Transitzone

Da bin ich jetzt also. „Angekommen“.
In meiner persönlichen Transitzone, in meiner Zwischenwohnung für die nächsten Wochen und Monate. Da, wo ich niemals hingewollt und nie gedacht habe, dass es mich hier hin treibt. Eine weitere Wohnung, immer noch in Hamburg, meine vierte Station hier.
Alleine.

So alleine wie noch nie in meinem Leben. Fast so schlimm wie damals als Mama uns verlassen hat. Aber da war ein Zuhause, mein Kater, die Familie, die sich gegenseitig getröstet hat. Es fühlt sich nicht schön an. Die Wohnung ist in Ordnung und ich versuche alles, sie einfach als meine Zufluchtsstätte in der Not zu betrachten – nichts anderes ist es. Eine Übergangswohnung, bis ich einen echten Neuanfang starten kann. Dieser Ort hat mir nichts getan. Er birgt keine guten oder schlechten Erinnerungen. Ein paar Kerzen, Bettwäsche von zuhause, Mamas Kissen und es wird schon gehen. Dennoch: Ich fühle mich fremd an. Fremd in meinem eigenen Leben.

Ein neuer Lebensabschnitt – das ist doch toll!, sagen meine Freunde. Okay, vielleicht ist er unfreiwillig, aber es ist auch immer etwas Gutes, eine Chance für einen Neustart! Zeit, sich um mich zu kümmern…
Alles Leben auf der Erde erfindet sich neu, tote Bäume treiben frisches Grün und wo gestern noch nichts als Ödnis war, blüht morgen schon wieder die Vielfalt. Alle sagen, dass es bald besser gehen wird. Ganz bestimmt. Es wird besser. Du wirst wieder glücklich sein. Versprochen.

Mein Verstand sagt „na klar“ – man sieht es oft genug bei anderen und ich kenne es von früher. Eines Tages ist aller Herzschmerz vergessen. Irgendwann ertappst du dich dabei, dass du wochenlang nicht mehr an „ihn“ gedacht hast. Dass die Verzweiflung gegangen ist und eines Tages auch der größte Teil der Traurigkeit. Vielleicht findest du sogar eine neue Liebe, schöner, größer, wundervoller als zuvor. Aber diesmal ist etwas anders.
ICH bin anders.

Es fehlt ein Puzzleteil, ein wichtiger Bestandteil von mir. Es geht nicht einmal nur um ihn, wobei ich natürlich das Idealbild, das ich von ihm habe, unfassbar vermisse. Ich habe inzwischen eingesehen, dass er fort ist und es kein Zurück gibt. Vielleicht möchte ich auch gar nicht zurück. Gestern bin ich mit der Bahn durch Hamburg gefahren, durch Eppendorf. Am liebsten wäre ich ausgestiegen, meine Straße langgegangen, in der alles so vertraut ist. Meine Wohnungstür aufschließen und da ist es: mein altes Leben, das Zuhause, der Mensch, auf den ich mich an jedem einzelnen Tag unserer gemeinsamen Zeit gefreut habe. Aber den wundervollen Menschen, den ich liebe, gibt es dort nicht mehr. An seiner Stelle sitzt jemand anderes auf unserem Sofa, isst von unseren Tellern und lebt zwischen den vier Wänden, die wir uns gemeinsam ausgesucht hatten. Damals, überglücklich, uns gefunden zu haben. Zu dem Jemand, der heute dort wohnt, der mir solches Leid zugefügt hat, möchte keinen Kontakt aufnehmen. Am liebsten nie wieder sehen oder von ihm hören – weil ich genau weiß: Der Lauf der Dinge ist, dass er mir noch einmal sehr weh tun wird. Wenn er weitergemacht hat. Oder genau wie vorher lebt. Wenn ich erfahre, dass er eine neue Partnerin hat. Er sehr glücklich ist. Oder sehr unglücklich. Es wird immer wieder weh tun. Weil er die eine Liebe war, mit der ich eine Zukunft geplant hatte. Der Lebensweg, den ich für mich gewählt habe und auf dem ich ein Stück mit ihm zusammen gelaufen bin. In eine Zukunft, die jetzt nur noch als gedankliches Konzept besteht. Futur Irrealis.

Doch er ist nicht alleine das, was fehlt. Ich fehle.
Wie geht neu anfangen? Ich bin immer autark gewesen, auch während unserer Beziehung. Weil manche Dinge gemeinsam nicht möglich waren, er keine Lust dazu hatte oder die Wochenenden verkatert im Bett lag – habe ich angefangen, Dinge alleine zu tun. Bin stundenlang spazieren gewesen, auf Fotostreifzügen, in Cafés gesessen, mit Freundin und Kind getroffen, meine Bücher gelesen. Ich war nie wirklich abhängig von ihm und ich komme zurecht alleine. Aber es macht nicht glücklich. Es macht nicht glücklich, sich alleine Abendessen zu machen. Niemanden dazu haben, der die Lasten mit einem teilt, die Sorgen, der einem manchmal Entscheidungen abnimmt oder erleichtert, die man nicht zu treffen in der Lage ist. Den Tag voll mit Aktivität zu packen oder totzuschlagen in dem Wissen, dass noch sehr viele Tage im Leben vor einem liegen. Wo ist er, der Sinn? Woher nehmen Menschen die Freude an dieser Sisyphos-Existenz?

Ich habe ein paar wirklich zauberhafte Freunde. Die mich anrufen, mir schreiben, mich aufmuntern, harte Wahrheiten aussprechen, mir Wein und Marmelade und Umarmungen schenken. Das tut gut und ich lache mit ihnen wie früher – aber das legt keinen Schalter um. Ich trage kein Glück mehr in mir. Wenn das Lachen verebbt die Gespräche beendet sind, nimmt meine dunkle Schwester mich wieder an der Hand und zieht mich mit.
In die Leere.

Ich möchte sie nicht gewinnen lassen. Will nicht, dass schlechte Gefühle mein Leben übernehmen, denn das bin ich nicht. Also funktioniere ich. Nehme zur Notiz, dass die Umgebung ganz nett ist. Kaufe ein wie alle anderen. Stehe morgens auf. Richte meine Wohnung ein. Nehme teil an dem, was andere so machen. Nicht für mich oder weil ich mein Leben mag. Für Papa. Für meine Freunde. Weil sie sich so bemühen, weil sie sich so sorgen. Weil jeder von ihnen mir die Last abnähme, wenn sie es nur könnten.

Transit bedeutet Warten. Irgendwann bewegt sich wieder etwas. Dann geht man ein Stück weiter, in eine neue Richtung.
Tief verwundet, aber nie besiegt.
Hass gewinnt nicht gegen meine Liebe.

Close your eyes so you don’t feel them
They don’t need to see you cry
I can’t promise I will heal you
But if you want to I will try
To sing this summer serenade
The past is done we’ve been betrayed
It’s true
Someone said the truth will out
I believe without a doubt
in you

You were there for summer dreaming
and you gave me what I need
and I hope you’ll find your freedom
for eternity, for eternity

Schreibe einen Kommentar