Under pressure

Ich habe einmal zu jemandem gesagt, dass ich nicht jederzeit schreiben könne, nur, wenn ich mich danach fühle, mich Emotionen bewegen, die in Worte gefasst werden wollen. Immer, wenn ich Ruhe in meinem Kopf brauche, wenn die Seele Steinschlag abbekommen hat, dann ist Schreiben die Therapie. Nicht die einzige, aber neben der Mit-Kleinkind-und-Mutti-Spazierengehen-Therapie sicher mit die Beste.
Ich habe heute einen Text in einem meiner Lieblingsblogs gefunden, dessen Worte (wenn auch nicht im selben Kontext) genau dazu passen:

Wie machen die anderen das nur mit diesem Leben? Wenn sie sagen: Ich gehe heute Abend nach Hause und in die Badewanne. Dann koche ich mir etwas Leckeres und trinke ein Glas Rotwein und dann schlafe ich. Warum ist nur bei ihr damit gemeint: Ich gehe nach Hause, trinke eine Flasche Rotwein und heule nachts auf meine Tastatur […]
(Kathrin Weßling, „Drüberleben“)

Emo-Scheiße nennt das mein Schatz. Ich finde es wunderschön, traurig und deswegen wunderschön. Eigentlich bin ich diesen Januar, der eigentlich immer meine dunkelste Jahreszeit ist, erstaunlich gut weggekommen. Ich glaube, es liegt an diesem neuen Johanniskraut-Zeugs, möglicherweise hat es aber auch damit zu tun, dass ich alles daran setze, aktiv zu bleiben. Dazu gehören Tageslicht und Sport, aber auch meine Versuche, mehr wertvolle Zeit mit lieben Menschen zu verbringen: Lange Spaziergänge mit meinen Romberg-Mädels zum Beispiel, die mich stets sehr glücklich machen. Es gibt einfach nichts, was mehr Lust auf Leben macht, als zu sehen wie ein Baby oder Kleinkind jede Minute desselben auskostet, über wirklich jede Kleinigkeit staunen oder sich freuen kann.
Mir ist aufgefallen, dass die weniger guten Tage insgesamt seltener geworden sind. Oft, so habe ich dafür festgestellt, gehen sie einher mit Zeiträumen, in denen ich nicht zuhause in Hamburg bin. Ich weiß nicht, wie es anderen geht – meine Freundin meint, es sei fast normal – aber ich stelle fest, dass die eigene Familie einen manchmal am allermeisten runter ziehen kann. Dabei meint es keiner böse, dessen bin ich mir sicher. Familie, damit assoziiere ich bedingungslose Liebe, Geborgenheit und Angenommen-werden. Schlimm, wenn es dann anders kommt und man sich streitet. Meistens aus dem Grund, dass man selbst für sein eigenes Leben und Heim andere Regeln und Grundsätze aufgestellt hat als jene, die im Elternhaus gegolten haben und immer noch gelten. Zum Beispiel mein Grundsatz, dass es inakzeptabel ist, Tiere als Lebensmittel zu betrachten, Daunenkissen oder etwas Anderes als Bio-Eier zu kaufen. Nichtige Gründe für einen Streit – aber die Ruhe ist dahin. Ebenso verhält es sich mit der Akzeptanz. Ich merke immer öfter, dass je seltener ich zuhause bin, ich mehr und mehr wie ein Alien, wie eine Fremde beäugt werde, wenn ich beispielsweise mal auf Heimaturlaub in meiner (ja, hier habe ich schon als Kleinkind meine Pommes gegessen, also meine!!) Dorfkneipe einkehre.
Ich gehe mit Papa auch nicht mehr Kleidung shoppen, obwohl er da sehr großzügig war. Beim letzten Mal gelangte ich in den Besitz eines teuren Blazers und durfte mir nebenbei aus der Umkleide die Konversation meines Vaters mit der von ihm herbeigerufenen Verkäuferin über meine Problemzonen anhören.

Ja, ich weiß, das ist hochgradig albern, fishing-for-compliments, „da mussde halt drüber stehen“, „Du hast das doch gar nicht nötig“ und „Du hast dafür blaue Augen“, aber ich sage euch eins: Wenn du als Kind beim Wollstrumpfhosen anziehen schon als „fett“ bezeichnet wirst, du als Teenie immer die mit der festen Zahnspange und der dicksten Brille (-12 Dioptrien, Nerd-Quartett-Gewinner ✔) bist, deren Mutter mit ihrem Körper hadert und die meiste Zeit entweder auf Pampelmusen-oder „nur-Gurken“-Diät ist, dann tut es einem auch als erwachsene Frau noch verdammt weh, wenn jemand Sachen sagt wie „Wenn du helle Farben tragen möchtest, solltest du zuerst abnehmen“. Meist ist sowas nicht böse gemeint, sondern die Person glaubt tatsächlich, dir mit dem Aussprechen der „Wahrheit“ einen Gefallen zu tun. HELL NO! Menschen möchten von anderen Menschen nicht auf ihre vermeintlichen Makel aufmerksam gemacht werden, sondern für ihre Vorzüge gelobt und dafür anerkannt werden, was sie gut können, was sie zu einem einzigartigen Menschen macht. Wirklich, ihr mit eurer gut gemeinten Ehrlichkeit, ob es nun die Oma ist („Kind, du hast aber kräftig zugenommen“) oder Schwiegermutti („Du hast wirklich kein Händchen, dich zu kleiden“) ist, könnt mir gestohlen bleiben! Wirklich, ihr treibt mich in den Wahnsinn, schon sehe ich mich im Geiste an meinem Hochzeitstag vorm Altar stehen, während hinter mir jemand – zu laut für die feierliche Stille einer Kirche – flüstert, dass ein langärmeliges Brautkleid vorteilhafter gewesen wäre! Es ist dumm und ich ärgere mich sehr, dass die Meinungen einer oberflächlichen Gesellschaft solch einen Einfluss auf mich haben. Man weiß, dass man mehr „wert“ ist als die Summe seiner Äußerlichkeiten und wer mich kennt, der weiß auch: Ich bin weder besonders eitel noch krampfhaft um mein äußeres Erscheinen bemüht. Wenn dann aber meine megaschlanke Freundin klagt, dass sie nun nicht mehr in Größe 34 passt…tja, dann lache ich darüber. So, wie vermutlich jemand anderes über mich lachen würde, weil derartige „Sorgen“ wirklich lächerlich sind.

Als ich heute Abend nach einem wieder mal missglückten Versuch, offline Klamotten zu kaufen, frustriert zurück ins Heimatdorf spazierte, musste ich für eine einzige Bio-Orange noch in den Supermarkt. Als ich meinem Netz Orangen zur Kasse ging, stand überraschend (für beide) einer meiner Lieblingsmenschen vor mir, mein Patenonkel. Mein Patenonkel ist ein wundervoller Mensch, den ich sehr bewundere, weil er unglaublich klug ist, warmherzig und lustig. Er gibt mir als seinem Patenkind immer das Gefühl, besonders zu sein. Wir hatten beide nicht viel Zeit, aber diese zehn Minuten miteinander Lachens und sich-auf-den-neuesten-Stand-Bringens, ließen alles Schlechte und Negative sich in Luft auflösen. Zehn Minuten mit einem Lieblingsmenschen – und da waren sie auf einmal wieder: Die Liebe, die Geborgenheit und das Gefühl, angenommen zu sein.

Ich wünsche meinem Sonnenschein Amélie, dass sie ihr ganzes Leben von diesen Gefühlen umgeben ist und Selbstzweifel sowie falsche Ideale bei ihr keine Wurzeln schlagen können.

Es gibt nichts Schöneres, als geliebt zu werden, geliebt um seiner selbst willen oder vielmehr trotz seiner selbst. (Victor Hugo)

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