#notjustsad

Hervorgehoben

„Manchmal sagst du, dass nichts ist. Aber eigentlich ist zu viel los. #notjustsad“

Nur einer von vielen Sätzen, die Menschen unter dem Schlagwort #notjustsad in den letzten Tagen geschrieben haben und die mir direkt aus der Seele sprechen. Viele davon heute, zum Weltgesundheitstag unter dem Motto „Depression – Lasst uns darüber sprechen“.

Betroffene, Angehörige von Betroffenen, das wird immer gefordert, sollen sich mehr Gehör verschaffen – aber genau hier liegt doch das Problem. Wer krank ist, macht sich nicht auf die Art und Weise bemerkbar, die von anderen verstanden wird. Tut er es, wird es oft herunter gespielt, missverstanden: wer nicht reden will, dem ist halt nicht zu helfen, nicht wahr?
So viele Worte, in denen ich mich wieder finde. So sehr ähneln sich die Empfindungen, das Leiden, das nicht-aus-seiner-Haut-können, dass es zum aus-der-Haut-fahren ist. Trotzdem wird das Verständnis für depressive Störungen nicht besser. Weil Depressionen nicht „passen“ ins angepasste Leben, nicht in eine Gesellschaft, die falschen Positivismus, Selbstoptimierung und -darstellung in sozialen Netzwerken kultiviert hat.
Traurige Säcke passen halt nicht in ein Leben, das bitteschön aussehen soll wie ein gechillter Becks-Werbespot.

Es ging mir lange gut. Nein…es geht mir oft gut. Manchmal aber eben nicht. Es ist besser geworden in den letzten Jahren, dank Therapie, Gesprächen und Lebenserfahrung und dem Schreiben. Aber es kein Schnupfen, der irgendwann ausgeheilt ist, das vergisst man so leicht. Ich habe zur Zeit keine Arbeit, bin den ganzen Tag zuhause. Was völlig okay wäre, alles unter Kontrolle, Bewerbungen laufen, demnächst Weiterbildung, alles wird gut und so. Wenn ich arbeiten gehen müsste, würde ich aus dem Fenster starren und mir freie Zeit wünschen. Aber ich kann es nicht genießen. Am Anfang war es noch Urlaub, auf Dauer zieht es mich extrem runter. Langeweile, sich nutzlos fühlen, gepaart mit Existenzsorgen im Nacken. Keine gute Mischung.

„Den ganzen Tag beschäftigt sein und sich doch unterfordert fühlen. #notjustsad“

Ich schlage nur Zeit tot und liege anderen auf der Tasche – ekelhaft, wie überflüssig man sich fühlen kann. Ich habe diese Woche zur Beschäftigung eine Serie geschaut, #13ReasonsWhy. Eine Serie, in der ein Mädchen kurz vor ihrem Suizid 13 Kassetten aufnimmt, eine für jede Person und jedes Ereignis, das letztlich zu ihrem Entschluss geführt hat, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Auch das: Keine besonders kluge Wahl, es hängt mir noch lange nach. Weniger als die Ereignisse selbst – dramaturgisch natürlich so gewählt, dass auch der dümmste Fernsehzuschauer kapiert: „Dieses Mädchen hatte es schlimm!“ – bedrückt mich die Grundstimmung. Und die ist genau das, was viele Betroffene nachempfinden können, wenn ich so die Stimmen zur Serie nachlese: Das Mädchen ist hübsch, eine Poetin, gar nicht mal unbeliebt, verliebt, hat liebe Eltern und intelligenten Witz. Nach außen hin ein ganz normales Mädel. Niemand rechnet mit ihrer Entscheidung. Natürlich nicht. Weil das, was man von außen wahrnimmt, rein gar nichts über eine Seele verrät.

„Was man nicht kennt, erkennt man nicht. #notjustsad“

„Es war nicht genug“, sagt sie in der letzten Folge. Es ist genau das, nicht die dargestellten Erlebnisse, was einem ans Herz geht. Das ist es doch, das Grundgefühl: Ich weiß, es sollte mir besser gehen. Ich habe einen funktionierenden Körper. Menschen, die sagen, dass es sie kümmert. Aber es ist einfach nicht genug! Man fühlt es nicht genug. Man selbst ist nicht genug.
Zum Glück entscheiden unzählige Betroffene für das Leben – jeden Tag aufs neue. Oder lassen es eben geschehen, dass immer wieder ein neuer Tag anbricht.

„“Diese scheiss Zeitumstellung. Fällt dir das Aufstehen jetzt auch so schwer?“ Jedes Mal Aufstehen fällt mir schwer. #notjustsad“

„Warum bist Du denn traurig?“
Weiß ich selber nicht. Wegen allem und gleichzeitig aber wegen nichts, woran man es so festmachen könnte, dass du es begreifen kannst.
„Am Wochenende soll das Wetter wieder schöner werden!“
Das kann schon sein. Macht aber keinen Unterschied.
„Hast Du dein Vitamin D genommen?“
Not going to dignify that with a response.
„Mach doch was schönes mit Freunden?“
Freunde. Gerade habe ich das Gefühl, ich habe niemanden. Ich versuche es, denke ich jedenfalls. Melde mich bei Personen, die ich als Freunde bezeichne. Sie haben andere Dinge zu tun, wichtige Dinge, sie haben Jobs und Kinder und Verabredungen. Wenn wir uns treffen, kann ich nicht mitreden, bin einfach nicht mehr Teil dieser Welt. Und ich möchte nicht die sein, die klammert. Schaut Euch meine Chatverläufe an bei WhatsApp, wie oft ich Leute antippe, nach Treffen frage, mich erkundige, wie es denn so geht, versuche, mit ihren Pläne zu schmieden oder einfach nur den Kontakt zu erhalten um das Gefühl zu haben, dass da noch wer ist.

„Depression ist auch, sich tagtäglich aufs neue schuldig zu fühlen, weil man eine Last für die seinen ist. #notjustsad“

„Willst Du darüber reden?“
JA! Nein.

„Mein Tagebuch ist der einzige Ort, an dem ich allen Gedanken & Gefühlen freien Lauf lassen kann #notjustsad“

Öffnet eure Ohren, falls ihr jemanden kennt, der nicht einfach nur traurig ist. Öffnet die Herzen und breitet die Arme weit aus und dann sagt einfach mal…nichts. Keine Worte können diese Leere füllen. Nur da sein. Das Gefühl geben, dass es eben nicht egal ist. Dass er oder sie einen Platz in eurem Leben hat. Verlangt auch keine Worte, denn es gibt keine Erklärung für das Gefühl, eine Last zu sein, für die Unerträglichkeit des Lebens, für Einsamkeit, die tief aus dem Inneren kommt.

„Wenn ich nur wüsste, wo ich mich verloren habe… #notjustsad“

Allen, die selbst diese Momente haben – bleibt stark. Für jede Momente, in denen sich die Wolken verziehen, in denen wir etwas spüren, in denen wir Freude haben und Stunden mit Menschen in unserem Leben, für die wir dankbar sind. Es macht sehr wohl einen Unterschied. Ihr macht einen Unterschied.

We’re #notjustsad
We #wontgiveup
#wematter
#fuckdepression.

Im Jetzt.

Es gibt Zeiten, da sind wir viel zu beschäftigt damit, uns etwas anderes zu wünschen, so dass wir ganz vergessen, dass das JETZT das einzige ist, was wirklich uns gehört.
Wir wünschen uns den Feierabend herbei, das Wochenende. Wünschen uns zurück an diesen Bergsee in der Sonne, zurück in die Kindheit, in Tage, an denen Lachen leicht fiel oder in jene Zeit zurück als der Kummer der das Herz einmal ereilen wird, noch nicht zu erahnen war.
Wünschen uns, dass irgendwann immer noch diese eine Tag kommt, in dem einen Zuhause, mit dem Menschen, da ankommen wo der Wege des Lebens die ganze Zeit hinführen wollte. Die Zeit, in der einmal alles gut sein wird, die sich richtig anfühlt.
Immer sind wir anderswo mit unserer ganzen Kraft – und bewirken dabei nichts. Wonach wir die ganze Zeit streben, ist unerreichbar.
Das Wochenende kommt nicht schneller und ist es dann da, geht es vorbei. Tempus fugit. Einmal vergangen kehrt nie wieder zurück.
Halte Inne und spüre die Leere.
Wissen, dass man unvollständig ist und es die ganze Zeit war. Höre in die Stille hinein. Nur hören, nicht bewerten.
Sei einen Moment lang einfach nur da.
Keiner will dir was, keiner tut dir weh.
Einfach da.
Leere will gefüllt werden, aber das kann nur im Jetzt geschehen. Nur jetzt kann man einen Augenblick verweilen, alle Sinne gleichzeitig benutzen und genau jetzt – in diesem kurzen Augenblick – ist alles denkbar. In der Stille entsteht eine wärmende kleine Flamme, da wo deine Leere war. Das Licht erhellt dich von innen. Dein Moment.
Sei glücklich.
Alles könnte schlimmer sein.
Ist es aber nicht.
Sei dankbar.
Nimm deine kleine Flamme, dein inneres Licht und teile es weiter.

Kein Tag vergangen ohne Erinnerung an Dich.
Als ich eine Blume niederlegte an Deinem Grab frage ich mich, wie es wohl heute wäre, wenn nicht gekommen wäre, was kam. Wären wir alle ein bisschen weniger kaputt? Ein bisschen weicher und wärmer? Weniger wütend auf die Welt?
Ich weiß es nicht. Alles was ich weiß ist, dass man Situationen und Personen überstehen kann, die man für lebenswichtig erachtet hat, weltbewegend und essentiell. Dann stellt man fest, dass man sehr gut ohne kann. Du wächst an den Schmerzen, an den Lektionen, am Stress, der Enttäuschung durch andere Menschen. Nachdem man das durchgestanden hat, geht es besser und was mich vor einem Jahr beschäftigt hat, ist vergessen und ruht in der Mottenkiste, bis es zu Staub der Zeit zerfällt. Und dann wiederum geschehen solche Sachen, die alles für immer verändern. Die einen so nachhaltig auseinander reißen und für immer das Leben trüben. Wie der Abschied von Dir. Dennoch existiert man weiter, verstreicht die Zeit, sind wir Zurückgelassenen weiter auf dieser Seite des Vorhangs. Warten auf den Tag des Wiedersehens.

Fragen uns, was Du geraten hättest.
Erinnern uns, wie Du gelacht hast.
Wünschen uns die Zeit zurück.
Dein Fehlen ist so allumfassend.

In 17 Jahren hat sich die Umwelt verändert. Ich mache Fehler, treffe falsche Entscheidungen, muss mich Aufgaben stellen, die ich mir selbst eingebrockt habe. Ich verliere, stehe auf und mache weiter. Mit der Zeit bin ich routinierter, aber auch dessen müder geworden. Die Welt geht mir auf den Geist mit all ihrem Druck, der Selbstdarstellung, dem Wettkampf, der Respektlosigkeit, Gewalt, Zerstörung und Wut, überall ist so viel Wut. Oft möchte ich mit all dem nichts mehr zu tun haben und die Waffen einfach fallen lassen.

Warum muss man das Leben meistern? Reicht es denn nicht, dass ich es nicht aufgebe?

Dann sehe ich, wie die Sonnenstrahlen durch eine Baumkrone brechen und auf der Friedhofsmauer tanzen. Ein kleiner Baumsprössling wächst aus einer Ritze zwischen den Steinen empor. Er hat es schwer, keinen Boden zum Wurzelschlagen, aber er lässt sich nicht abbringen, will ein großer Baum werden, hinauf ins Licht.
Egal ob er (oder ich) das jemals schaffen können, wir werden es versuchen. So lange es die Sonnenstrahlen gibt und das feine Geäst von Blättern im Gegenlicht, den Duft von Heckenrosen, Feldbrombeeren, das Schnurren einer Katze oder das warme Gefühl, wenn jemand den Du magst Dich berührt. So lange ich noch merke, dass ich mehr gemeinsam habe mit einem Kind, das die Welt erkundet und alles Natürliche darin liebt und die Göttlichkeit darin erkennt, als mit einem Erwachsenen, für den alles was zählt, Status und Regeln sind – So lange bist Du in mir.
Bei uns.
In der Welt.
Für immer unvergessen.

Footprints

Mit der Zeit verstehe ich besser, warum Dir dieses Gedicht so viel bedeutet hat.
Das Vertrauen darauf, dass das Universum hinter einem steht, dass alles einem höheren Plan folgt, den wir meistens nicht erfassen.

Spuren im Sand

Eines Nachts hatte ich einen Traum:
Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.
Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten,
Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben.
Und jedesmal sah ich zwei Fußspuren im Sand,
meine eigene und die meines Herrn.
Als das letzte Bild an meinen Augen vorübergezogen
war, blickte ich zurück. Ich erschrak, als ich entdeckte,
daß an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur
zu sehen war. Und das waren gerade die schwersten
Zeiten meines Lebens.

Besorgt fragte ich den Herrn:
„Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen, da hast du
mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein.
Aber jetzt entdecke ich, daß in den schwersten Zeiten
meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist.
Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am
meisten brauchte?“

Da antwortete er:
„Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie
allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten.
Dort wo du nur eine Spur gesehen hast,
da habe ich dich getragen.“

Happy Birthday, Mom.

Originalfassung des Gedichts Footprints © 1964 Margaret Fishback Powers.
Deutsche Fassung des Gedichts Spuren im Sand © 1996 Brunnen Verlag, Gießen.

fragile mind

So wurde ich denn gefragt, warum ich schon länger nichts mehr geschrieben habe. Die Antwort kam mir sehr direkt in den Sinn: Weil ich gerade in der Fastenzeit bin und mir der Rotwein fehlt, der sonst so oft der Begleiter meiner meist nächtlichen Schreibattacken war.
Kleiner Hemingway.
Hinzu kommt, dass ich im Grunde nur dann in den Schreibfluss komme, wenn mich etwas bewegt, etwas passiert ist. Ich entweder zu einer neuen Erkenntnis für mein Leben gelangt bin, ich ich festhalten oder mir etwas von der Seele reden möchte.
Beides – Alkoholkonsum und das Leben im Grenzbereich von Gefühlen, die mich in den Abgrund reißen können – sind Zustände, denen ich nicht länger Platz in meinem Leben einräume.
Sich betrinken, um Gefühle besser zu ertragen (in meinem Falle eher: zu ergründen) ist eine sehr hässliche Fratze, die mir mein altes Leben oft genug vorgeführt hat.
Ich will es nicht länger.
Ebenso wenig wie den freien Fall.
Also schreibe ich. Schwebend, nüchtern und ganz klar.
Ich habe Angst, das Gleichgewicht zu verlieren, den fragilen Zustand. Erst heute wieder gefährdet durch einen bösen Traum: Eine Person, ich glaube in Vertretung meines Unterbewusstseins, sprach darin zu meinem Freund, unwissend, dass ich mithöre. All meine Zweifel, aber auch gemeinen Spott und Hohn – dass ich ja sowieso nicht wisse, was ich will, dass ich ihn wohlmöglich enttäuschen würde, dass meine Ex-Partner die bessere Wahl gewesen seien. Ich war schockiert und wütend, sogar noch lange nach dem Aufwachen.
Wie gemein! Wie hinterhältig! Was für Lügen!
Oder?
Zweifel kamen auf: Vielleicht hatte die Person im Traum nur ausgesprochen, was ich eigentlich denke, mir Zugang zu meinem unbewussten Wissen gewährt. Der zweite Gedanke brachte mich dann aber zum Lächeln: Mein Ex, besser? In welcher Welt?? Jemand der mich so behandelt hat? Definitiv: Auf gar keinen Fall wahr! Ich bin froh um den jetzigen Zustand, einen Menschen an meiner Seite zu haben, der mich achtet und ehrlich mit mir ist. Wo auch immer es hingehen wird.
Dann hat mich ein Gespräch mit einer Freundin beschäftigt. Sie erzählte mir – was ich noch nicht wusste – dass besagter Ex an Karneval seine neue Freundin (die es gar nicht gibt, welche dreiste Unterstellung von mir, haha!) im Freundeskreis vorgestellt hat. Zu dieser Gelegenheit muss er auch wieder kräftigst auf die Tränendrüse gedrückt haben, weil ihn jetzt alle doof finden. Sogar soweit, dass seine Neue die Freunde angegangen ist, dass diese sich ja nie bei ihm melden würden. Der arme. Also echt.
Ich weiß nicht, was diese Information mit mir macht. Es ist nichts neues. Es interessiert mich nicht besonders und bringt mich auch nicht mehr zum weinen vor Wut und Hass auf diese falsche Person, die meint, Menschen zu manipulieren und anzulügen, habe seinen Platz in Freundschaften. Für den Freunde sowieso nur für die Kneipe gut sind und für die man nicht Zeit, Interesse, ein Ohr, ein Herz hat. Oder denen gegenüber man auch mal nen Fehler einräumt, statt sich weiter aufzuführen wie die personifizierte Arroganz.
Ich weiß nicht, was es macht. Es lässt mich auch nicht kalt. Doch ich werde es aushalten.
Kein Wein. Kein Weinen. Es ist alles in Ordnung. Es geht mir gut. Ich habe überlebt. Das schlimmste, was ich mir vorstellen konnte im Leben, gleich zweimal überstanden. Ich stehe noch hier. Alles ist sicher, er kann mir nicht mehr weh tun, auch wenn seine beißenden Worte es bis in meine Träume schaffen. Während er an irgendwelchen Theken hängt und mir nachts Mail mit weinerlichen, selbstmitleidigen Vermiss-Dich-Popsongs schickt.
Ich bekomme mein Leben wieder in den Griff. Ich wähle die Sonne, auf dass der Schatten hinter mich fällt.

I
CHOOSE
HAPPINESS

Nachtmusik

Manchmal ist Watte in die Ohren stopfen das Richtige, vielleicht auch einfach die einzige mögliche Lösung. Wenn die Welt zu viel wird. Watte, die die Geräusche da draußen erträglicher macht. Eine Decke um dich herum, die dich vor all dem versteckt und sei es nur für eine Weile. Wenn der Lärm, die Erwartungen der Welt und deiner selbst an dich zu viel werden, dann ziehst du dich hierhin zurück. Es ist ein warmes und angenehmes Gefühl hier drin. Aber ein seichtes. Wachliegen. John Lennon singt. Eine Stimme, die aus vergangenen Tagen an mich dringt. I didn’t mean to hurt you I’m sorry that I made you cry. Früher. Früher, da hätte ich weinen können. Lange und echt. Den ganzen Schmerz zugelassen. John und meine Mama und ich, wir haben einander verstanden und die Herzen restlos ausgeleert in jenen Momenten. Jetzt liege ich hier und blinzle lediglich. Wundere mich, wo sie hin sind – meine Traurigkeit, meine Fröhlichkeit. All die starken Gefühle, Hass und Liebe und Wut und Freude, von denen ich weiß dass sie mich einmal ausgemacht haben. Schaue einen Film der eigentlich sehr rührend sein müsste. Ein Mädchen, die Eltern taub und auf ihre Hilfe angewiesen, möchte raus in die Welt und singen. Und sie singt herzzerreißend schön. Mes chers parents, je pars. Je vous aime mais je pars. Vous n’aurez plus d’enfant ce soir. Je n’m’enfuis pas, je vole. Comprenez bien, je vole. Sans fumée, sans alcool. Je vole, je vole. Ich fliege nicht. Ich gehe auch nicht, ich bleibe da. Verharre unter meiner Decke noch länger, versuche die Wärme aufzusaugen wie ein Keimling, der die Kraft sammelt, bald Richtung Sonne zu wachsen. Was kann Wärme bewirken, die nicht tief genug reicht? Lebe meine Tage an der Oberfläche. Wohl wissend, dass die Untiefen da sind. Ich will nur nicht hinabschauen. Ein Pflaster, das sich über meine Wunden gelegt hat. Es ist nicht das selbe Gefühl. Da fehlt etwas. Die tiefgründigen Gespräche, Augenblicke, das verzweifelte Hassen und das innigst Lieben, die zusammen gingen. Intensiv. Lebendig. Ich. Oder? Am Ende sind unter dem Pflaster die Wunden längst vernarbt und die Stelle bleibt für immer taub. Eine dicke Eisschicht. So I remember we were driving, driving in your car. The speed so fast, I felt like I was drunk. City lights lay out before us and your arm felt nice wrapped ‚round my shoulder. And I had a feeling that I belonged. And I had a feeling I could be someone, be someone, be someone.

Narcissus

Was Du nicht kennst, erkennst Du nicht.

Dear momma’s boy,
I know you’ve had your butt licked by your mother
I know you’ve enjoyed all that attention from her
And every woman graced with your presence after
Dear narcissus boy,
I know you’ve never really apologized for anything
I know you’ve never really taken responsibility
I know you’ve never really listened to a woman

Dear me-show boy,
I know you’re not really into conflict resolution
Or seeing both sides of every equation
Or having an uninterrupted conversation

And any talk of healthiness
And any talk of connectedness
And any talk of resolving this
Leaves you running for the door

Why, why do I try to love you
Try to love you when you really don’t want me to

Dear egotist boy,
You’ve never really had to suffer any consequence
You’ve never stayed with anyone longer than ten minutes
You’d never understand anyone showing resistance
Dear popular boy,
I know you’re used to getting everything so easily
A stranger to the concept of reciprocity
People honor boys like you in this society

And any talk of selflessness
And any talk of working at this
And any talk of being of service
Leaves you running for the door

Why, why do I try to help you
Try to help you when you really don’t want me to

You go back to the women who will dance the dance
You go back to your friends who will lick your ass
You go back to ignoring all the rest of us
You go back to the center of your universe

Dear self centered boy,
I don’t know why I still feel affected by you
I’ve never lasted very long with someone like you
I never did although I have to admit I wanted to
Dear magnetic boy,
You’ve never been with anyone who doesn’t take your shit
You’ve never been with anyone who’s dared to call you on it
I wonder how you’d be if someone were to call you on it

And any talk of willingness
And any talk of both feet in
And any talk of commitment
Leaves you running for the door

Why, why do I try to change you
Try to change you when you really don’t want me to

You go back to the women who will dance the dance
You go back to your friends who will lick your ass
You go back to being so oblivious
You go back to the center of the universe

(A.Morissette, „Narcissus“)

Transitzone

Da bin ich jetzt also. „Angekommen“.
In meiner persönlichen Transitzone, in meiner Zwischenwohnung für die nächsten Wochen und Monate. Da, wo ich niemals hingewollt und nie gedacht habe, dass es mich hier hin treibt. Eine weitere Wohnung, immer noch in Hamburg, meine vierte Station hier.
Alleine.

So alleine wie noch nie in meinem Leben. Fast so schlimm wie damals als Mama uns verlassen hat. Aber da war ein Zuhause, mein Kater, die Familie, die sich gegenseitig getröstet hat. Es fühlt sich nicht schön an. Die Wohnung ist in Ordnung und ich versuche alles, sie einfach als meine Zufluchtsstätte in der Not zu betrachten – nichts anderes ist es. Eine Übergangswohnung, bis ich einen echten Neuanfang starten kann. Dieser Ort hat mir nichts getan. Er birgt keine guten oder schlechten Erinnerungen. Ein paar Kerzen, Bettwäsche von zuhause, Mamas Kissen und es wird schon gehen. Dennoch: Ich fühle mich fremd an. Fremd in meinem eigenen Leben.

Ein neuer Lebensabschnitt – das ist doch toll!, sagen meine Freunde. Okay, vielleicht ist er unfreiwillig, aber es ist auch immer etwas Gutes, eine Chance für einen Neustart! Zeit, sich um mich zu kümmern…
Alles Leben auf der Erde erfindet sich neu, tote Bäume treiben frisches Grün und wo gestern noch nichts als Ödnis war, blüht morgen schon wieder die Vielfalt. Alle sagen, dass es bald besser gehen wird. Ganz bestimmt. Es wird besser. Du wirst wieder glücklich sein. Versprochen.

Mein Verstand sagt „na klar“ – man sieht es oft genug bei anderen und ich kenne es von früher. Eines Tages ist aller Herzschmerz vergessen. Irgendwann ertappst du dich dabei, dass du wochenlang nicht mehr an „ihn“ gedacht hast. Dass die Verzweiflung gegangen ist und eines Tages auch der größte Teil der Traurigkeit. Vielleicht findest du sogar eine neue Liebe, schöner, größer, wundervoller als zuvor. Aber diesmal ist etwas anders.
ICH bin anders.

Es fehlt ein Puzzleteil, ein wichtiger Bestandteil von mir. Es geht nicht einmal nur um ihn, wobei ich natürlich das Idealbild, das ich von ihm habe, unfassbar vermisse. Ich habe inzwischen eingesehen, dass er fort ist und es kein Zurück gibt. Vielleicht möchte ich auch gar nicht zurück. Gestern bin ich mit der Bahn durch Hamburg gefahren, durch Eppendorf. Am liebsten wäre ich ausgestiegen, meine Straße langgegangen, in der alles so vertraut ist. Meine Wohnungstür aufschließen und da ist es: mein altes Leben, das Zuhause, der Mensch, auf den ich mich an jedem einzelnen Tag unserer gemeinsamen Zeit gefreut habe. Aber den wundervollen Menschen, den ich liebe, gibt es dort nicht mehr. An seiner Stelle sitzt jemand anderes auf unserem Sofa, isst von unseren Tellern und lebt zwischen den vier Wänden, die wir uns gemeinsam ausgesucht hatten. Damals, überglücklich, uns gefunden zu haben. Zu dem Jemand, der heute dort wohnt, der mir solches Leid zugefügt hat, möchte keinen Kontakt aufnehmen. Am liebsten nie wieder sehen oder von ihm hören – weil ich genau weiß: Der Lauf der Dinge ist, dass er mir noch einmal sehr weh tun wird. Wenn er weitergemacht hat. Oder genau wie vorher lebt. Wenn ich erfahre, dass er eine neue Partnerin hat. Er sehr glücklich ist. Oder sehr unglücklich. Es wird immer wieder weh tun. Weil er die eine Liebe war, mit der ich eine Zukunft geplant hatte. Der Lebensweg, den ich für mich gewählt habe und auf dem ich ein Stück mit ihm zusammen gelaufen bin. In eine Zukunft, die jetzt nur noch als gedankliches Konzept besteht. Futur Irrealis.

Doch er ist nicht alleine das, was fehlt. Ich fehle.
Wie geht neu anfangen? Ich bin immer autark gewesen, auch während unserer Beziehung. Weil manche Dinge gemeinsam nicht möglich waren, er keine Lust dazu hatte oder die Wochenenden verkatert im Bett lag – habe ich angefangen, Dinge alleine zu tun. Bin stundenlang spazieren gewesen, auf Fotostreifzügen, in Cafés gesessen, mit Freundin und Kind getroffen, meine Bücher gelesen. Ich war nie wirklich abhängig von ihm und ich komme zurecht alleine. Aber es macht nicht glücklich. Es macht nicht glücklich, sich alleine Abendessen zu machen. Niemanden dazu haben, der die Lasten mit einem teilt, die Sorgen, der einem manchmal Entscheidungen abnimmt oder erleichtert, die man nicht zu treffen in der Lage ist. Den Tag voll mit Aktivität zu packen oder totzuschlagen in dem Wissen, dass noch sehr viele Tage im Leben vor einem liegen. Wo ist er, der Sinn? Woher nehmen Menschen die Freude an dieser Sisyphos-Existenz?

Ich habe ein paar wirklich zauberhafte Freunde. Die mich anrufen, mir schreiben, mich aufmuntern, harte Wahrheiten aussprechen, mir Wein und Marmelade und Umarmungen schenken. Das tut gut und ich lache mit ihnen wie früher – aber das legt keinen Schalter um. Ich trage kein Glück mehr in mir. Wenn das Lachen verebbt die Gespräche beendet sind, nimmt meine dunkle Schwester mich wieder an der Hand und zieht mich mit.
In die Leere.

Ich möchte sie nicht gewinnen lassen. Will nicht, dass schlechte Gefühle mein Leben übernehmen, denn das bin ich nicht. Also funktioniere ich. Nehme zur Notiz, dass die Umgebung ganz nett ist. Kaufe ein wie alle anderen. Stehe morgens auf. Richte meine Wohnung ein. Nehme teil an dem, was andere so machen. Nicht für mich oder weil ich mein Leben mag. Für Papa. Für meine Freunde. Weil sie sich so bemühen, weil sie sich so sorgen. Weil jeder von ihnen mir die Last abnähme, wenn sie es nur könnten.

Transit bedeutet Warten. Irgendwann bewegt sich wieder etwas. Dann geht man ein Stück weiter, in eine neue Richtung.
Tief verwundet, aber nie besiegt.
Hass gewinnt nicht gegen meine Liebe.

Close your eyes so you don’t feel them
They don’t need to see you cry
I can’t promise I will heal you
But if you want to I will try
To sing this summer serenade
The past is done we’ve been betrayed
It’s true
Someone said the truth will out
I believe without a doubt
in you

You were there for summer dreaming
and you gave me what I need
and I hope you’ll find your freedom
for eternity, for eternity

Ein leeres Blatt Papier vor mir und keine Ahnung, wie ich anfangen soll…Ich habe das Schreiben vernachlässigt und jetzt ruft alles in mir, dass ich anfangen, es mir von der Seele schreiben sollte. Vier Wochen sind vergangen, seit mein Leben sich um 180° gedreht hat. Nein, das ist ein zu schwacher Anfang für diese Geschichte:

Vier Wochen, seitdem sich der Abgrund zu meinen Füßen aufgetan hat.
Er sagt, dass es nicht aus heiterem Himmel kam, dass ich genug Zeit gehabt hätte, es besser zu machen, die Vorzeichen des Erdbebens zu erkennen – doch rückwirkend erkenne ich immer noch nichts. Rein gar nichts. Trennungen passieren überall und eine Ehe ist eben auch nichts weiter als eine Beziehung zwischen zwei Menschen. Ein äußerst fragiles Konstrukt, bedenkt man, wie Emotionen funktionieren: Entsteht hier ein Ungleichgewicht, funktioniert nichts mehr und wenn sich auf einer Seite die Emotionen ändern hat die andere Seite keine Chance. Doch es gibt einem auch Sicherheit, so glaubt man, wenn man „Ja“ sagt hat zueinander. Nicht umsonst heißt es Ehe-Versprechen. Einer der vielen Ratgeber, die ich in den letzten Wochen angehört habe, erklärt das so: Wenn jemand „Ja“ zu dir sagt, dir zusagt, dass er dich liebt, dann ist dies nicht weniger als eine Bestätigung fürs Ich: dass du gut genug bist, liebenswert bist, deine Selbstzweifel und Verlustängste unbegründet sind. Darum genügt es vielen Menschen nicht, die berühmten drei Worte einmal zu hören. In einer Partnerschaft sucht der unsichere Mensch jene Bestätigung immer wieder, möchte sich der Liebe vergewissern. Er hat dieses Bekenntnis stets erneuert, mir oft gesagt, dass ich das Beste wäre, was ihm passiert sei. Dass er es nicht überleben, wenn mir etwas passieren würde. Fehldeutung. Denn das ist nicht gleichbedeutend mit Emotionen – diese können sich jederzeit ändern, wie ein Fähnlein im Wind. Emotionen kommen und gehen. Wie Wut, Traurigkeit, gute Laune, miese Laune, Freude. Ich habe mich in Sicherheit gefühlt, ein Fehler, den wohl die meisten in einer langjährigen Beziehung machen: Man baut die persönlichen Schutzwälle ab, ein gemeinsames Zuhause auf, sucht zusammen die Möbel aus und plant miteinander.
Die Bestätigung ist jetzt ausradiert wie die letzten fünf Jahre meines Lebens und meine Pläne für die Zukunft, die alle ihn beinhalteten. Alles zurück auf Anfang, aber einen Rucksack voll mit neuen Ängsten und Zweifeln geschultert. Was ist falsch mit mir? Was treibt jemanden, der „Ja“ gesagt hat zu mir dazu, mich mit einem schlecht verpackten „vielleicht“ und Wochen später mit einem endgültigen, kalten „Nein“ aus seinem Leben, aus unserem gemeinsamen Zuhause auszuschließen?

Was I out of line?
Did I say something way too honest, made you run & hide
like a scared little boy?
I looked into your eyes, thought I knew you for a minute
now I’m not so sure…

Ich verstehe immer noch nicht. Nichts. Wenige Erklärungen, die sich anhörten wie aus einem Lehrbuch: Sich jetzt mal um sich kümmern müssen. Seine Probleme alleine bewältigen. Für sich entscheiden, dass das Schlechte gegenüber dem Guten zwischen uns am Ende überwogen hat. Keine Aussprache, keine Kompromisse. Mauer hoch und da drüben ist die Tür. Sein Konstrukt, seine Begründungen, sein „vertrau mir, es ist für uns beide besser so“ kann ich nicht nachvollziehen. Vertrauen?
Wirklich jetzt?

Du hast geschworen dass du da bist in Glück oder Panik,
hast geschworen du gibst Halt, doch wenn ich fall spür ich gar nix.

Ich könnte eine ganze Magisterarbeit darüber schreiben, wie sich ein Liebeskummer-Drama in mehreren Akten abspielt. Welche Fehler du machst, welches die „richtigen“ Schritte sind. Glaubt mir – gebt mir reichlich Kaffee und ich schreibe euch auf der Stelle 80 Seiten darüber herunter.
Die Grundvoraussetzung all dessen ist, dass man das Geschehene erst einmal realisiert. Das ist wohl Phase Eins. Dass man versteht „Scheiße, es ist wirklich vorbei“. Das ist bei mir mal der Fall, mal nicht. Manch einen Morgen werde ich wach und suche ihn und unseren Stoffhund, denke ich bin im Urlaub, bis mir beim Zähneputzen die Decke auf den Kopf fällt. Weg. Für immer. Aus und vorbei. An anderen Tagen ist die Gewissheit bereits da und die Panik nicht mehr immens, nur dumpfe Traurigkeit in meiner Brust. Sie begleitet mich den ganzen Tag. Ich wandere durch mein Asyl, arbeite ein bisschen, beschäftige mich, rede kaum. In ständiger Gefahr dass wieder etwas passiert, das die Wunde noch tiefer aufreißt. Sei es durch eine „informative“ Kurznachricht von ihm, dass für die Steuererklärung noch ein Dokument fehlt. Oder nachdem man sich in einem kurzen Motivationsschub aufmacht, das Haus ein wenig für Ostern zu schmücken und im Keller Begegnung mit einem zum Trocknen aufgehängten Strauß Valentinsrosen macht, die er einem 14 Tage vorher noch geschenkt hatte.

I can see your eyes staring into mine,
But it’s a battlefield and you’re on the other side.
You can throw your words, sharper than a knife,
And leave me cold in another house on fire.
I lay low, lay low and watch the bridges burn
I lay low, lay low. What more could I have done?
Now you only bring me black roses,
And they crumble into dust when they’re held
Now you only bring me black roses,
Under your spell

In der ersten Phase ist der stärkste Verbündete mein Selbstschutz: Wenn die Erde nachgibt unter deinen Füßen, alles auf dich einstürzt, gibt es kein Halten mehr. Lass dich fallen…fallen…und dann lauf, bevor die Nachbeben kommen. Andere beschreiben es wie Ertrinken, dein Herz zerspringt, die Luft bleibt weg und es gibt keinen Auftrieb. Er, der dich doch immer aufgefangen, dich gerettet hat, drückt dich jetzt erbarmungslos unter Wasser. Ich hatte Glück in Form von Freunden die kamen, eine Matratze in die Ecke gelegt und reichlich Wein haben fließen lassen. Notunterkunft für Jemanden, der einen Krieg mit sich selbst führt. Eine Gnadenfrist vom Arbeitgeber. Aufschub, um erstmal zur Familie zu gehen, die Wunden zu lecken, sich umzusehen, woher der Erdrutsch gekommen ist. Und dann stehst du da, zitternd und verwundet, vor einem gigantischen Berg: Ich habe einen Job in einer anderen Stadt, keine Wohnung mehr, all meine Sachen sind noch da. Der Mensch, der für dich alles war, hat dir den Rücken gekehrt. Auf dem Papier besteht eine Ehe. Dinge, um die man sich jetzt nicht kümmern kann! Es mag sich übertrieben anhören, aber noch nie im Leben habe ich mich derart hilflos gefühlt. Leer, tieftraurig und völlig überfordert mit der Situation. An nichts will man denken müssen, vor allem nicht daran, jetzt zu funktionieren. Unfähig, einen sinnvollen Gedanken zu fassen außer „Das ist doch alles nicht wahr“.

Romeo save me, they try to tell me how to feel!
This love is difficult, but it’s real…
Don’t be afraid, we’ll make it out of this mess!
It’s a love story baby just say yes…

Die bittere Wahrheit: So ein Erdrutsch bringt dich nicht um. Das ist jetzt dein neues Leben, deine Wirklichkeit für die kommenden Wochen, Monate, wohlmöglich Jahre. Herzlich Willkommen am Boden.
Ich war vernünftig. Habe keine nächtlichen Anrufe gemacht, keine Betteleien, Beschimpfungen oder was man sonst im Alter von 15, 20, 25 Jahren gemacht hätte. Stattdessen habe ich Freunde und meinen Schwager vollgeheult. Richtig gejammert. Rotz und Wasser geheult, wie ein kleines Kind. Weil nichts anderes ging. Abgewartet. Zeit war nur zum totschlagen da. Mini-Ziele setzen. Eine Stunde rumkriegen, zwei Stunden, einen halben Tag. Endlich wieder schlafen dürfen, weil vom vielen Weinen erschöpft. The walking dead. Ins Bett fallen, hinein in die Leere. Fallen und im Einschlafen dann plötzlich ist er da: der verfluchte Funken Hoffnung, den man die ganze Zeit beiseite geschoben hat. Man ist schließlich erwachsen und weiß den Willen des anderen zu akzeptieren. Man möchte gerne morgen früh aufstehen, den Dreck abputzen und weitermachen. Aber es geht nicht. Der Mensch kann nicht ohne Hoffnung sein, habe ich einmal gelesen, irgendwas in uns treibt uns immer wieder dahin, in aussichtslosen Situationen zu hoffen. Hier hilft nur, sich immer wieder an das (und zwar nur das!) zu erinnern, was er gesagt hat zuletzt. Wie er sich vor dir aufgebaut hat mit verschränkten Armen, es dir verkündet hat und sich dann einfach wieder schlafen gelegt hat. Wie er es gesagt hat. Die letzten Nachrichten nochmal lesen. Nein, da ist kein Funke! Siehst du es ein, nichtsnutziges Menschlein?

It must have been love but it’s over now.
It must have been good but I lost it somehow.

Ich war noch nie jemand, der Gedanken gut abstellen kann. Verdrängung, Ablenkung und all die hübschen Spielchen, zu denen einem bei Liebeskummer geraten wird, funktionieren bei mir nicht. Dafür kenne ich mich zu gut als dass ich mich austricksen könnte. Was im Grunde gar nicht verkehrt ist. Emotionen müssen meiner Meinung nach raus und in jeder Literatur (ich sagte ja, man könnte ein Studium damit füllen) steht das gleiche: Trauern – erst dann geht es weiter, dann musst du einsehen, dass dein Herz höllisch weh tut und dir jetzt nichts übrig bleibt, als das Tal zu durchwandern. Alles andere ist, als würde man ein Ventil zuhalten und dem Wasserhahn sagen „Jetzt denk doch einfach mal an was schönes!“ Es entsteht ein noch größerer Druck, die Ursache geht nicht weg davon, dass man sich der Realität nicht stellt. Sich zu früh zu stellen, ist allerdings ein Fehler.

Wenn man gegen seinen Willen frisch getrennt ist und aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen ist, sollte man Freunde schicken, zur Not den Kurier. Ich bin selbst hingefahren mit einem ganz klaren Plan: Ein paar Klamotten (mit drei paar Socken, einem Schlafanzug und den Klamotten am Leib kommt man nicht weit…) abholen, nicht groß reden, nicht streiten und vor allem sich nicht anmerken lassen, wie traurig man ist. Cool bleiben. Das ist gründlich in die Hose gegangen, was ja logisch ist: Wie will man cool bleiben, wenn das Zuhause, das du mit viel Liebe eingerichtet hast, aussieht als habe es auf dich gewartet. Wenn auf dem Tisch noch die Blumen stehen, die du für die Frühlingsdeko gekauft hattest, natürlich vertrocknet. Und dann sitzt da das Häufchen Elend, an dem all das auch nicht spurlos vorüber geht. Gedankenkreisel. Für ihn da sein wollen, ihn trösten. Schließlich bin ich seine Frau. Habe eine Verantwortung ihm gegenüber. Fühle mich verantwortlich und schuldig. Blödsinn, er wollte es so, also muss er damit jetzt alleine klar kommen. Ihm sagen, dass man trotzdem immer für ihn da sein wird. Weil man Mitleid hat und Liebe und Verbundenheit und all diese Scheißgefühle. Es hätte nur eines Wortes bedurft und ich wäre da gewesen. Aber es kam keines. Es wird keines kommen. Es sind hier keine Worte mehr für dich übrig.

Say something, I’m giving up on you.
I’m sorry that I couldn’t get to you.
Anywhere, I would’ve followed you.
Say something, I’m giving up on you.
And I will swallow my pride.
You’re the one that I love
And I’m saying goodbye.

Ich weiß jetzt, dass ich bis zur Auflösung der Wohnung keinen Fuß mehr dort reinsetzen möchte. Ich quäle mich genug zurzeit, da muss ich mich nicht auch noch physisch dem Ganzen aussetzen, ihm aussetzen. Auf der anderen Seite war es wichtig, nochmal zu sehen wovor ich weggehen sollte. Das Aufbäumen, die Wut in seinen Augen, wenn die Mauer hochgeht. Die Ablehnung gegen mich, die aus jeder Faser und jeder Bewegung spricht. Das ist nicht der Mann, mit dem ich gelebt habe, kein Mann mit dem ich weiterhin leben könnte. Dann auf einmal wieder Fürsorge, weil seine Schuldgefühle rauskommen. Das kleine Zimmer wäre zur Not frei. Er könne mich und meinen Koffer auch fahren, der wäre doch schwer…Schwer ist das, was auf meiner Seele lastet. Fünf ganze Jahre und ein Verrat von dem Menschen, dem Einen, der mir am wichtigsten war. Trag das mal. Das, mein Lieber, ist schwer!

Ob du dich irgendwann erbarmst und mir Antwort gibst
auf die Fragen, die den Kopf zersprengen,
den ich einst dir versprach immer hoch zu tragen.
Auch ich hab versprochen bei dir zu sein,
aber’s nicht gebrochen, auch wenn’s nicht so einfach war wie für dich, versteckt und verkrochen,
ich hab mich getäuscht in dir,
du bist viel zu schwach und bequem
um zu dem was du sagst zu stehen
oder einfach Rücksicht zu nehmen,
Du hast mich verlassen, Du bist derjenige, der Schulden hat,
also komm‘ und kümmer‘ dich
um die Last, die Selbstsucht erschafft!

Danach ging es mir tatsächlich eine Weile besser in meinem kleinen Tal. Weil ich mir – endlich – erlaubt habe, wütend zu sein. Sauer zu sein. Mich ungerecht behandelt zu fühlen. Wut ist unglaublich mächtig. Sie vertreibt die Dumpfheit, das Tote in dir und befeuert dich für einen Moment, gibt dir Kraft. Aber ich bin kein Mensch, der lange Hassgefühle hegen kann. Hass ist einfach nicht das Gefühl, das mein Leben bestimmt. Vor allem nicht für einen Menschen, der immer noch tief in meinem Herzen ist, egal was er mir getan hat.

Je mehr ich in der Zeit mit anderen gesprochen, zugehört und gelesen habe, desto stärker habe ich gemerkt: Du bist nicht alleine. Das, was du fühlst, ist nicht einzigartig! Diese Gedanken, das Schwanken zwischen Trauer, Wut, Zuneigung hat einfach Jeder, der verlassen wurde. So wie Liebe ist auch Trauer universell. Wir sind uns so unglaublich ähnlich in unserem Kummer. Irgendwie hat mich das getröstet.

Die Menschen, nach denen wir uns sehnen, sind auch kein bisschen einzigartig. So beschreibt beispielsweise Mehran Dadbeh, dessen Gedankenexperimente ich mir angesehen habe, um meine Gedanken in positivere Richtungen zu lenken: Wir alle sind bloß Kiesel an einem Strand. Du bist ein Kiesel, ein Mensch wie alle anderen auch. Rund, grau, gleichmäßig. Erst wenn du einen solchen Kiesel aufhebst, ihm Zeit widmest, ganz genau hinschaust und sein Muster entdeckst, wird dieser Kiesel für dich besonders, anders als all die anderen Kiesel! Es ist nur deine Betrachtungsweise, die diese besondere Verbindung herstellt zwischen euch, nicht der Kiesel an sich.

»Natürlich«, sagte der Fuchs. »Du bist für mich nur ein kleiner Junge, ein kleiner Junge wie hunderttausend andere auch. Ich brauche dich nicht. Und du brauchst mich auch nicht. Ich bin für dich ein Fuchs unter Hundertausenden von Füchsen. Aber wenn du mich zähmst, dann werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzigartig sein. Und ich werde für dich einzigartig sein in der ganzen Welt…«

Diese Erkenntnis hilft ein wenig. Räumlicher Abstand hilft ein wenig. Reden mit alten Freunden hilft ein wenig. An einem Ort zu sein, an dem alles schon vor ihm da war, mein Zuhause war, hilft ein wenig, Es setzt meine jetzigen Gefühle in Relation mit meinem restlichen Leben. Ja, fünf Jahre sind verschenkt, aber es gab ein Leben davor. Drei Wochen später kommt am Abend die erstaunliche Erkenntnis: Heute habe ich das erste Mal nicht geweint. Ist das der Durchbruch? Geht es nun endlich bergauf? Ich fühle mich beinahe so. Ich bin einige Stunden am Tag durchgehend produktiv. Das ist eines der wichtigsten Dinge, die ich gelernt habe: Nicht schnödes beschäftigt sein, produktiv sein hilft! Ich habe eine Wohnung gefunden für ein paar Monate, plane meinen Umzug zurück, habe einen Finanzplan, um einen Neuanfang irgendwann dann angehen zu können. Ich gewähre mir paar Monate Aufschub, bevor ich mich entscheide, welche Möbel ich will und offiziell den Papierkram mit ihm zu erledigen. Meine Freunde unterstützen mich, und sei es durch Schweigen an den richtigen Stellen. Es fällt kein böses Wort über ihn, weil zum einen niemand versteht, was passiert ist. Zum anderen, weil ich das nicht will. Aber wie alle anderen sehe ich jetzt, dass ich ein winziges Stück des weiten Weges schon gelaufen bin – je weiter ich komme, desto kleiner wirkt der Berg.

I might stay up drunk on wine,
Hurt like hell and ugly, crying black mascara tears
I might lock my door, sleep with my phone,
miss you bad for a month or so but let me tell you something my dear
I’m gonna be just fine
but you’re never gonna find another love like mine

Zu diesem Zeitpunkt kommt der Gedanke, dass er eines Tages einsehen wird, einsehen muss, was er aufgegeben hat. Nicht die Hoffnung, dass er zurückkommt, aber dass ein normaler Kontakt möglich sein könnte. Irgendwann, wenn er es geschafft hat, sein Leben so zu leben wie er möchte und gelernt hat, Zugang zu sich selbst zu finden. Vielleicht kann man dann miteinander reden, wie man es am Anfang konnte. Sicher, man wünscht sich das. Und man würde lügen, wenn man behauptet, dass man sich das nicht wünscht! Da ist jemand, den du in deinem Leben so unglaublich vermisst, dass du sogar in Kauf nehmen würdest, „nur“ Freunde zu sein. Und ein bisschen möchtest du auch, dass er eines Tages einsieht, warum er dich mal geheiratet hatte. Auch wenn nichts dafür spricht, man legt es sich so zurecht und es tut der traurigen Seele so gut. Eines Tages, so hoffst du, wird es ihm leid tun, wie er dich behandelt hat.

Doch leider kommt der Tag, an dem du genau darüber stolperst. Das Tal ist noch viel tiefer, als du geglaubt hast auf deiner Route mitten hindurch, nur nach Vorne schauend. Eine Nachricht von ihm, ein kurzer harmloser Wortwechsel und Tag eins ist wieder da. Denn: Es tut ihm nicht leid. Er ist froh, dass alles so ist wie es ist. Er hat es inzwischen so ziemlich allen gemeinsamen Freunden und dem Kneipenwirt erzählt. Es zeigt dir, dass du ihn wieder einmal idealisiert hast. Darüber hinweg gesehen hast, dass da nicht etwa jemand sitzt der liebevoll an dich denken, sondern der dich vergessen will. Einzusehen, welches Bild er inzwischen von euch gezeichnet hat, ist äußerst schmerzhaft. Während du vor allem Gute gesehen, getrauert und versucht hast zu verstehen, wieso er dich nicht mehr liebt hat er alles Schlechte zusammengetragen, um seine Entscheidung zu untermauern, sich zu beweisen, dass seine Entscheidung gut und die einzig logische Konsequenz war. Das furchtbarste daran: Er kommt klar. Er lebt weiter. Ohne dich.

Erspar es dir. Keinen Kontakt.

I finally kept my pride
And hailed a cab
Those cuttin words you said
Were the last stab
There’ll be no tears this time
They’ve all dried up
No more sweet poison
I already drank that cup
This tunnel’s dark
But there’s a little light glowing
Just enough for me to run towards knowing that
Nothing in this world will ever break my heart again
No pain this life will put me through
Will ever ever hurt like you

Es wird immer wieder so kommen, wenn du es zulässt. Jede Annäherung bringt neue Enttäuschung, tut wieder genauso weh. Neue Wunden verhindern, dass sich Narben bilden auf deiner Seele. Wie ein Magnet versucht man immer wieder, ob die Nähe schon zu ertragen ist. Weil man den anderen vermisst, weil man ihn noch liebt oder aus Angst, ihn ganz zu verlieren. Aber genau das ist es ja: Das worum es geht. Loslassen.
Es geht immer einen Schritt vor und zwei zurück hat jemand gesagt. Derjenige, der dich verlassen hat, kommt in der Regel schneller darüber hinweg. Weil er den Grund kennt. Weil er weitermachen möchte. Weil vielleicht jemand neues in sein Leben tritt.

Es wird so lange weh tun, wie ich es zulasse. Bis es eines Tages vorbei ist.

So here’s to everything, coming down to nothing
Here’s to silence that cuts me to the core
Where is this going?
Thought I knew for a minute but I don’t anymore…

 

THE END, for now

 

 

Lyrics, in order of appearance:

♥ Taylor Swift – Forever & Always
♥ Curse – Und was ist jetzt
♥ Clare Bowen – Black Roses
♥ Taylor Swift – Love Story
♥ Roxette – It must have been love
♥ A Great Big World ft. Christina Aguilera – Say something
♥ Curse – Und was ist jetzt
♥ Antoine de Saint-Exupéry – Der kleine Prinz
♥ Hayden Panettiere – Love like mine
♥ Hayden Panettiere – Nothing in this world
♥ Taylor Swift – Forever & Always