Übers Laufen

Wie ihr wisst, habe ich das Laufen schon vor einiger Zeit für mich entdeckt. Schon in Hamburg habe ich damit angefangen, mit einer Runde durch den UKE Park, mehr gehend als joggend, und mich ganz langsam gesteigert.

Von 3 km habe ich es zu meiner ersten Alsterrunde gebracht – Mann, war ich da stolz. Vor meinem Umzug 2016 bin ich fast jeden Tag laufen gewesen, manchmal sogar vor UND nach der Arbeit, weil es mir so gut tat. Auch das Ziel, einmal einen Halbmarathon zu laufen, hielt mich über Wasser damals. Inzwischen ist das Laufen zu viel mehr als Mental-Hygiene geworden: Ich habe supertolle Menschen dadurch kennengelernt, die Laufgruppe zweimal die Woche gibt Struktur und Motivation, der Sport tut gut, gibt mir Ziele und die Möglichkeit, Reisen und Freunde treffen miteinander zu verbinden: wir verabreden uns zu Laufevents, melden uns für Rennen am Urlaubsort an und schnacken bei gemeinsamen Trainingsrunden um den See. Besser als jeder After Work Cocktail! Darum versuche ich auch, etwas zurückzugeben an diese Bewegung, die mir so viel gibt. Mit meinem Shirt von bevegt.de zum Beispiel mache ich auf den großartigen Podcast von Katrin und Daniel und die vegane Sache aufmerksam, weil die beiden mir unheimlich viel übers Laufen beigebracht und mit ihren Trainingsplänen meine ersten drei Halbmarathons begleitet haben. In der Laufgruppe trugen wir regelmäßig die Shirts der Pari Boy Spendenaktion, nehmen an Spendenläufen, Leselauf und Zero Hunger Run der Welthungerhilfe teil – wenn man schon Startgelder bezahlt, dann ist es doch super, wenn man damit einen guten Zweck und nicht einfach nur eine Eventfirma unterstützt. Ich habe auch fest vor, mich als Helfer beim Parkrun zu melden, wenn ich aus dem Urlaub komme und im Juni wartet mit dem Big Ride for Africa, den meine Firma mit sponsort, meine bisher größte Herausforderung: Halbmarathondistanz, aber mit über 400 Höhenmetern durch die Eifel. Und das für mich als Flachlandtiroler. Ich könnte mir sogar vorstellen, in dem ganzen Laufzirkus beruflich zu arbeiten. Es ist einfach schön, unter Menschen zu sein, die sich gegenseitig supporten und die Leistungen der anderen, so klein die Fortschritte auch sein mögen, anerkennen. Gibt es selten genug heutzutage.

Falls ihr Lust habt, einen guten Zweck zu unterstützen: wir laufen auch dieses Jahr beim #RunOfColours 🌈 in Köln mit – alle Spenden gehen an die AIDSHilfe Köln. Hier findet ihr meine Spendenseite.

Im Jetzt.

Es gibt Zeiten, da sind wir viel zu beschäftigt damit, uns etwas anderes zu wünschen, so dass wir ganz vergessen, dass das JETZT das einzige ist, was wirklich uns gehört.
Wir wünschen uns den Feierabend herbei, das Wochenende. Wünschen uns zurück an diesen Bergsee in der Sonne, zurück in die Kindheit, in Tage, an denen Lachen leicht fiel oder in jene Zeit zurück als der Kummer der das Herz einmal ereilen wird, noch nicht zu erahnen war.
Wünschen uns, dass irgendwann immer noch diese eine Tag kommt, in dem einen Zuhause, mit dem Menschen, da ankommen wo der Wege des Lebens die ganze Zeit hinführen wollte. Die Zeit, in der einmal alles gut sein wird, die sich richtig anfühlt.
Immer sind wir anderswo mit unserer ganzen Kraft – und bewirken dabei nichts. Wonach wir die ganze Zeit streben, ist unerreichbar.
Das Wochenende kommt nicht schneller und ist es dann da, geht es vorbei. Tempus fugit. Einmal vergangen kehrt nie wieder zurück.
Halte Inne und spüre die Leere.
Wissen, dass man unvollständig ist und es die ganze Zeit war. Höre in die Stille hinein. Nur hören, nicht bewerten.
Sei einen Moment lang einfach nur da.
Keiner will dir was, keiner tut dir weh.
Einfach da.
Leere will gefüllt werden, aber das kann nur im Jetzt geschehen. Nur jetzt kann man einen Augenblick verweilen, alle Sinne gleichzeitig benutzen und genau jetzt – in diesem kurzen Augenblick – ist alles denkbar. In der Stille entsteht eine wärmende kleine Flamme, da wo deine Leere war. Das Licht erhellt dich von innen. Dein Moment.
Sei glücklich.
Alles könnte schlimmer sein.
Ist es aber nicht.
Sei dankbar.
Nimm deine kleine Flamme, dein inneres Licht und teile es weiter.

Kein Tag vergangen ohne Erinnerung an Dich.
Als ich eine Blume niederlegte an Deinem Grab frage ich mich, wie es wohl heute wäre, wenn nicht gekommen wäre, was kam. Wären wir alle ein bisschen weniger kaputt? Ein bisschen weicher und wärmer? Weniger wütend auf die Welt?
Ich weiß es nicht. Alles was ich weiß ist, dass man Situationen und Personen überstehen kann, die man für lebenswichtig erachtet hat, weltbewegend und essentiell. Dann stellt man fest, dass man sehr gut ohne kann. Du wächst an den Schmerzen, an den Lektionen, am Stress, der Enttäuschung durch andere Menschen. Nachdem man das durchgestanden hat, geht es besser und was mich vor einem Jahr beschäftigt hat, ist vergessen und ruht in der Mottenkiste, bis es zu Staub der Zeit zerfällt. Und dann wiederum geschehen solche Sachen, die alles für immer verändern. Die einen so nachhaltig auseinander reißen und für immer das Leben trüben. Wie der Abschied von Dir. Dennoch existiert man weiter, verstreicht die Zeit, sind wir Zurückgelassenen weiter auf dieser Seite des Vorhangs. Warten auf den Tag des Wiedersehens.

Fragen uns, was Du geraten hättest.
Erinnern uns, wie Du gelacht hast.
Wünschen uns die Zeit zurück.
Dein Fehlen ist so allumfassend.

In 17 Jahren hat sich die Umwelt verändert. Ich mache Fehler, treffe falsche Entscheidungen, muss mich Aufgaben stellen, die ich mir selbst eingebrockt habe. Ich verliere, stehe auf und mache weiter. Mit der Zeit bin ich routinierter, aber auch dessen müder geworden. Die Welt geht mir auf den Geist mit all ihrem Druck, der Selbstdarstellung, dem Wettkampf, der Respektlosigkeit, Gewalt, Zerstörung und Wut, überall ist so viel Wut. Oft möchte ich mit all dem nichts mehr zu tun haben und die Waffen einfach fallen lassen.

Warum muss man das Leben meistern? Reicht es denn nicht, dass ich es nicht aufgebe?

Dann sehe ich, wie die Sonnenstrahlen durch eine Baumkrone brechen und auf der Friedhofsmauer tanzen. Ein kleiner Baumsprössling wächst aus einer Ritze zwischen den Steinen empor. Er hat es schwer, keinen Boden zum Wurzelschlagen, aber er lässt sich nicht abbringen, will ein großer Baum werden, hinauf ins Licht.
Egal ob er (oder ich) das jemals schaffen können, wir werden es versuchen. So lange es die Sonnenstrahlen gibt und das feine Geäst von Blättern im Gegenlicht, den Duft von Heckenrosen, Feldbrombeeren, das Schnurren einer Katze oder das warme Gefühl, wenn jemand den Du magst Dich berührt. So lange ich noch merke, dass ich mehr gemeinsam habe mit einem Kind, das die Welt erkundet und alles Natürliche darin liebt und die Göttlichkeit darin erkennt, als mit einem Erwachsenen, für den alles was zählt, Status und Regeln sind – So lange bist Du in mir.
Bei uns.
In der Welt.
Für immer unvergessen.

Footprints

Mit der Zeit verstehe ich besser, warum Dir dieses Gedicht so viel bedeutet hat.
Das Vertrauen darauf, dass das Universum hinter einem steht, dass alles einem höheren Plan folgt, den wir meistens nicht erfassen.

Spuren im Sand

Eines Nachts hatte ich einen Traum:
Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.
Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten,
Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben.
Und jedesmal sah ich zwei Fußspuren im Sand,
meine eigene und die meines Herrn.
Als das letzte Bild an meinen Augen vorübergezogen
war, blickte ich zurück. Ich erschrak, als ich entdeckte,
daß an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur
zu sehen war. Und das waren gerade die schwersten
Zeiten meines Lebens.

Besorgt fragte ich den Herrn:
„Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen, da hast du
mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein.
Aber jetzt entdecke ich, daß in den schwersten Zeiten
meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist.
Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am
meisten brauchte?“

Da antwortete er:
„Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie
allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten.
Dort wo du nur eine Spur gesehen hast,
da habe ich dich getragen.“

Happy Birthday, Mom.

Originalfassung des Gedichts Footprints © 1964 Margaret Fishback Powers.
Deutsche Fassung des Gedichts Spuren im Sand © 1996 Brunnen Verlag, Gießen.

#notjustsad

Hervorgehoben

„Manchmal sagst du, dass nichts ist. Aber eigentlich ist zu viel los. #notjustsad“

Nur einer von vielen Sätzen, die Menschen unter dem Schlagwort #notjustsad in den letzten Tagen geschrieben haben und die mir direkt aus der Seele sprechen. Viele davon heute, zum Weltgesundheitstag unter dem Motto „Depression – Lasst uns darüber sprechen“.

Betroffene, Angehörige von Betroffenen, das wird immer gefordert, sollen sich mehr Gehör verschaffen – aber genau hier liegt doch das Problem. Wer krank ist, macht sich nicht auf die Art und Weise bemerkbar, die von anderen verstanden wird. Tut er es, wird es oft herunter gespielt, missverstanden: wer nicht reden will, dem ist halt nicht zu helfen, nicht wahr?
So viele Worte, in denen ich mich wieder finde. So sehr ähneln sich die Empfindungen, das Leiden, das nicht-aus-seiner-Haut-können, dass es zum aus-der-Haut-fahren ist. Trotzdem wird das Verständnis für depressive Störungen nicht besser. Weil Depressionen nicht „passen“ ins angepasste Leben, nicht in eine Gesellschaft, die falschen Positivismus, Selbstoptimierung und -darstellung in sozialen Netzwerken kultiviert hat.
Traurige Säcke passen halt nicht in ein Leben, das bitteschön aussehen soll wie ein gechillter Becks-Werbespot.

Es ging mir lange gut. Nein…es geht mir oft gut. Manchmal aber eben nicht. Es ist besser geworden in den letzten Jahren, dank Therapie, Gesprächen und Lebenserfahrung und dem Schreiben. Aber es kein Schnupfen, der irgendwann ausgeheilt ist, das vergisst man so leicht. Ich habe zur Zeit keine Arbeit, bin den ganzen Tag zuhause. Was völlig okay wäre, alles unter Kontrolle, Bewerbungen laufen, demnächst Weiterbildung, alles wird gut und so. Wenn ich arbeiten gehen müsste, würde ich aus dem Fenster starren und mir freie Zeit wünschen. Aber ich kann es nicht genießen. Am Anfang war es noch Urlaub, auf Dauer zieht es mich extrem runter. Langeweile, sich nutzlos fühlen, gepaart mit Existenzsorgen im Nacken. Keine gute Mischung.

„Den ganzen Tag beschäftigt sein und sich doch unterfordert fühlen. #notjustsad“

Ich schlage nur Zeit tot und liege anderen auf der Tasche – ekelhaft, wie überflüssig man sich fühlen kann. Ich habe diese Woche zur Beschäftigung eine Serie geschaut, #13ReasonsWhy. Eine Serie, in der ein Mädchen kurz vor ihrem Suizid 13 Kassetten aufnimmt, eine für jede Person und jedes Ereignis, das letztlich zu ihrem Entschluss geführt hat, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Auch das: Keine besonders kluge Wahl, es hängt mir noch lange nach. Weniger als die Ereignisse selbst – dramaturgisch natürlich so gewählt, dass auch der dümmste Fernsehzuschauer kapiert: „Dieses Mädchen hatte es schlimm!“ – bedrückt mich die Grundstimmung. Und die ist genau das, was viele Betroffene nachempfinden können, wenn ich so die Stimmen zur Serie nachlese: Das Mädchen ist hübsch, eine Poetin, gar nicht mal unbeliebt, verliebt, hat liebe Eltern und intelligenten Witz. Nach außen hin ein ganz normales Mädel. Niemand rechnet mit ihrer Entscheidung. Natürlich nicht. Weil das, was man von außen wahrnimmt, rein gar nichts über eine Seele verrät.

„Was man nicht kennt, erkennt man nicht. #notjustsad“

„Es war nicht genug“, sagt sie in der letzten Folge. Es ist genau das, nicht die dargestellten Erlebnisse, was einem ans Herz geht. Das ist es doch, das Grundgefühl: Ich weiß, es sollte mir besser gehen. Ich habe einen funktionierenden Körper. Menschen, die sagen, dass es sie kümmert. Aber es ist einfach nicht genug! Man fühlt es nicht genug. Man selbst ist nicht genug.
Zum Glück entscheiden unzählige Betroffene für das Leben – jeden Tag aufs neue. Oder lassen es eben geschehen, dass immer wieder ein neuer Tag anbricht.

„“Diese scheiss Zeitumstellung. Fällt dir das Aufstehen jetzt auch so schwer?“ Jedes Mal Aufstehen fällt mir schwer. #notjustsad“

„Warum bist Du denn traurig?“
Weiß ich selber nicht. Wegen allem und gleichzeitig aber wegen nichts, woran man es so festmachen könnte, dass du es begreifen kannst.
„Am Wochenende soll das Wetter wieder schöner werden!“
Das kann schon sein. Macht aber keinen Unterschied.
„Hast Du dein Vitamin D genommen?“
Not going to dignify that with a response.
„Mach doch was schönes mit Freunden?“
Freunde. Gerade habe ich das Gefühl, ich habe niemanden. Ich versuche es, denke ich jedenfalls. Melde mich bei Personen, die ich als Freunde bezeichne. Sie haben andere Dinge zu tun, wichtige Dinge, sie haben Jobs und Kinder und Verabredungen. Wenn wir uns treffen, kann ich nicht mitreden, bin einfach nicht mehr Teil dieser Welt. Und ich möchte nicht die sein, die klammert. Schaut Euch meine Chatverläufe an bei WhatsApp, wie oft ich Leute antippe, nach Treffen frage, mich erkundige, wie es denn so geht, versuche, mit ihren Pläne zu schmieden oder einfach nur den Kontakt zu erhalten um das Gefühl zu haben, dass da noch wer ist.

„Depression ist auch, sich tagtäglich aufs neue schuldig zu fühlen, weil man eine Last für die seinen ist. #notjustsad“

„Willst Du darüber reden?“
JA! Nein.

„Mein Tagebuch ist der einzige Ort, an dem ich allen Gedanken & Gefühlen freien Lauf lassen kann #notjustsad“

Öffnet eure Ohren, falls ihr jemanden kennt, der nicht einfach nur traurig ist. Öffnet die Herzen und breitet die Arme weit aus und dann sagt einfach mal…nichts. Keine Worte können diese Leere füllen. Nur da sein. Das Gefühl geben, dass es eben nicht egal ist. Dass er oder sie einen Platz in eurem Leben hat. Verlangt auch keine Worte, denn es gibt keine Erklärung für das Gefühl, eine Last zu sein, für die Unerträglichkeit des Lebens, für Einsamkeit, die tief aus dem Inneren kommt.

„Wenn ich nur wüsste, wo ich mich verloren habe… #notjustsad“

Allen, die selbst diese Momente haben – bleibt stark. Für jede Momente, in denen sich die Wolken verziehen, in denen wir etwas spüren, in denen wir Freude haben und Stunden mit Menschen in unserem Leben, für die wir dankbar sind. Es macht sehr wohl einen Unterschied. Ihr macht einen Unterschied.

We’re #notjustsad
We #wontgiveup
#wematter
#fuckdepression.

fragile mind

So wurde ich denn gefragt, warum ich schon länger nichts mehr geschrieben habe. Die Antwort kam mir sehr direkt in den Sinn: Weil ich gerade in der Fastenzeit bin und mir der Rotwein fehlt, der sonst so oft der Begleiter meiner meist nächtlichen Schreibattacken war.
Kleiner Hemingway.
Hinzu kommt, dass ich im Grunde nur dann in den Schreibfluss komme, wenn mich etwas bewegt, etwas passiert ist. Ich entweder zu einer neuen Erkenntnis für mein Leben gelangt bin, ich ich festhalten oder mir etwas von der Seele reden möchte.
Beides – Alkoholkonsum und das Leben im Grenzbereich von Gefühlen, die mich in den Abgrund reißen können – sind Zustände, denen ich nicht länger Platz in meinem Leben einräume.
Sich betrinken, um Gefühle besser zu ertragen (in meinem Falle eher: zu ergründen) ist eine sehr hässliche Fratze, die mir mein altes Leben oft genug vorgeführt hat.
Ich will es nicht länger.
Ebenso wenig wie den freien Fall.
Also schreibe ich. Schwebend, nüchtern und ganz klar.
Ich habe Angst, das Gleichgewicht zu verlieren, den fragilen Zustand. Erst heute wieder gefährdet durch einen bösen Traum: Eine Person, ich glaube in Vertretung meines Unterbewusstseins, sprach darin zu meinem Freund, unwissend, dass ich mithöre. All meine Zweifel, aber auch gemeinen Spott und Hohn – dass ich ja sowieso nicht wisse, was ich will, dass ich ihn wohlmöglich enttäuschen würde, dass meine Ex-Partner die bessere Wahl gewesen seien. Ich war schockiert und wütend, sogar noch lange nach dem Aufwachen.
Wie gemein! Wie hinterhältig! Was für Lügen!
Oder?
Zweifel kamen auf: Vielleicht hatte die Person im Traum nur ausgesprochen, was ich eigentlich denke, mir Zugang zu meinem unbewussten Wissen gewährt. Der zweite Gedanke brachte mich dann aber zum Lächeln: Mein Ex, besser? In welcher Welt?? Jemand der mich so behandelt hat? Definitiv: Auf gar keinen Fall wahr! Ich bin froh um den jetzigen Zustand, einen Menschen an meiner Seite zu haben, der mich achtet und ehrlich mit mir ist. Wo auch immer es hingehen wird.
Dann hat mich ein Gespräch mit einer Freundin beschäftigt. Sie erzählte mir – was ich noch nicht wusste – dass besagter Ex an Karneval seine neue Freundin (die es gar nicht gibt, welche dreiste Unterstellung von mir, haha!) im Freundeskreis vorgestellt hat. Zu dieser Gelegenheit muss er auch wieder kräftigst auf die Tränendrüse gedrückt haben, weil ihn jetzt alle doof finden. Sogar soweit, dass seine Neue die Freunde angegangen ist, dass diese sich ja nie bei ihm melden würden. Der arme. Also echt.
Ich weiß nicht, was diese Information mit mir macht. Es ist nichts neues. Es interessiert mich nicht besonders und bringt mich auch nicht mehr zum weinen vor Wut und Hass auf diese falsche Person, die meint, Menschen zu manipulieren und anzulügen, habe seinen Platz in Freundschaften. Für den Freunde sowieso nur für die Kneipe gut sind und für die man nicht Zeit, Interesse, ein Ohr, ein Herz hat. Oder denen gegenüber man auch mal nen Fehler einräumt, statt sich weiter aufzuführen wie die personifizierte Arroganz.
Ich weiß nicht, was es macht. Es lässt mich auch nicht kalt. Doch ich werde es aushalten.
Kein Wein. Kein Weinen. Es ist alles in Ordnung. Es geht mir gut. Ich habe überlebt. Das schlimmste, was ich mir vorstellen konnte im Leben, gleich zweimal überstanden. Ich stehe noch hier. Alles ist sicher, er kann mir nicht mehr weh tun, auch wenn seine beißenden Worte es bis in meine Träume schaffen. Während er an irgendwelchen Theken hängt und mir nachts Mail mit weinerlichen, selbstmitleidigen Vermiss-Dich-Popsongs schickt.
Ich bekomme mein Leben wieder in den Griff. Ich wähle die Sonne, auf dass der Schatten hinter mich fällt.

I
CHOOSE
HAPPINESS

Nachtmusik

Manchmal ist Watte in die Ohren stopfen das Richtige, vielleicht auch einfach die einzige mögliche Lösung. Wenn die Welt zu viel wird. Watte, die die Geräusche da draußen erträglicher macht. Eine Decke um dich herum, die dich vor all dem versteckt und sei es nur für eine Weile. Wenn der Lärm, die Erwartungen der Welt und deiner selbst an dich zu viel werden, dann ziehst du dich hierhin zurück. Es ist ein warmes und angenehmes Gefühl hier drin. Aber ein seichtes. Wachliegen. John Lennon singt. Eine Stimme, die aus vergangenen Tagen an mich dringt. I didn’t mean to hurt you I’m sorry that I made you cry. Früher. Früher, da hätte ich weinen können. Lange und echt. Den ganzen Schmerz zugelassen. John und meine Mama und ich, wir haben einander verstanden und die Herzen restlos ausgeleert in jenen Momenten. Jetzt liege ich hier und blinzle lediglich. Wundere mich, wo sie hin sind – meine Traurigkeit, meine Fröhlichkeit. All die starken Gefühle, Hass und Liebe und Wut und Freude, von denen ich weiß dass sie mich einmal ausgemacht haben. Schaue einen Film der eigentlich sehr rührend sein müsste. Ein Mädchen, die Eltern taub und auf ihre Hilfe angewiesen, möchte raus in die Welt und singen. Und sie singt herzzerreißend schön. Mes chers parents, je pars. Je vous aime mais je pars. Vous n’aurez plus d’enfant ce soir. Je n’m’enfuis pas, je vole. Comprenez bien, je vole. Sans fumée, sans alcool. Je vole, je vole. Ich fliege nicht. Ich gehe auch nicht, ich bleibe da. Verharre unter meiner Decke noch länger, versuche die Wärme aufzusaugen wie ein Keimling, der die Kraft sammelt, bald Richtung Sonne zu wachsen. Was kann Wärme bewirken, die nicht tief genug reicht? Lebe meine Tage an der Oberfläche. Wohl wissend, dass die Untiefen da sind. Ich will nur nicht hinabschauen. Ein Pflaster, das sich über meine Wunden gelegt hat. Es ist nicht das selbe Gefühl. Da fehlt etwas. Die tiefgründigen Gespräche, Augenblicke, das verzweifelte Hassen und das innigst Lieben, die zusammen gingen. Intensiv. Lebendig. Ich. Oder? Am Ende sind unter dem Pflaster die Wunden längst vernarbt und die Stelle bleibt für immer taub. Eine dicke Eisschicht. So I remember we were driving, driving in your car. The speed so fast, I felt like I was drunk. City lights lay out before us and your arm felt nice wrapped ‚round my shoulder. And I had a feeling that I belonged. And I had a feeling I could be someone, be someone, be someone.

Narcissus

Was Du nicht kennst, erkennst Du nicht.

Dear momma’s boy,
I know you’ve had your butt licked by your mother
I know you’ve enjoyed all that attention from her
And every woman graced with your presence after
Dear narcissus boy,
I know you’ve never really apologized for anything
I know you’ve never really taken responsibility
I know you’ve never really listened to a woman

Dear me-show boy,
I know you’re not really into conflict resolution
Or seeing both sides of every equation
Or having an uninterrupted conversation

And any talk of healthiness
And any talk of connectedness
And any talk of resolving this
Leaves you running for the door

Why, why do I try to love you
Try to love you when you really don’t want me to

Dear egotist boy,
You’ve never really had to suffer any consequence
You’ve never stayed with anyone longer than ten minutes
You’d never understand anyone showing resistance
Dear popular boy,
I know you’re used to getting everything so easily
A stranger to the concept of reciprocity
People honor boys like you in this society

And any talk of selflessness
And any talk of working at this
And any talk of being of service
Leaves you running for the door

Why, why do I try to help you
Try to help you when you really don’t want me to

You go back to the women who will dance the dance
You go back to your friends who will lick your ass
You go back to ignoring all the rest of us
You go back to the center of your universe

Dear self centered boy,
I don’t know why I still feel affected by you
I’ve never lasted very long with someone like you
I never did although I have to admit I wanted to
Dear magnetic boy,
You’ve never been with anyone who doesn’t take your shit
You’ve never been with anyone who’s dared to call you on it
I wonder how you’d be if someone were to call you on it

And any talk of willingness
And any talk of both feet in
And any talk of commitment
Leaves you running for the door

Why, why do I try to change you
Try to change you when you really don’t want me to

You go back to the women who will dance the dance
You go back to your friends who will lick your ass
You go back to being so oblivious
You go back to the center of the universe

(A.Morissette, „Narcissus“)

Transitzone

Da bin ich jetzt also. „Angekommen“.
In meiner persönlichen Transitzone, in meiner Zwischenwohnung für die nächsten Wochen und Monate. Da, wo ich niemals hingewollt und nie gedacht habe, dass es mich hier hin treibt. Eine weitere Wohnung, immer noch in Hamburg, meine vierte Station hier.
Alleine.

So alleine wie noch nie in meinem Leben. Fast so schlimm wie damals als Mama uns verlassen hat. Aber da war ein Zuhause, mein Kater, die Familie, die sich gegenseitig getröstet hat. Es fühlt sich nicht schön an. Die Wohnung ist in Ordnung und ich versuche alles, sie einfach als meine Zufluchtsstätte in der Not zu betrachten – nichts anderes ist es. Eine Übergangswohnung, bis ich einen echten Neuanfang starten kann. Dieser Ort hat mir nichts getan. Er birgt keine guten oder schlechten Erinnerungen. Ein paar Kerzen, Bettwäsche von zuhause, Mamas Kissen und es wird schon gehen. Dennoch: Ich fühle mich fremd an. Fremd in meinem eigenen Leben.

Ein neuer Lebensabschnitt – das ist doch toll!, sagen meine Freunde. Okay, vielleicht ist er unfreiwillig, aber es ist auch immer etwas Gutes, eine Chance für einen Neustart! Zeit, sich um mich zu kümmern…
Alles Leben auf der Erde erfindet sich neu, tote Bäume treiben frisches Grün und wo gestern noch nichts als Ödnis war, blüht morgen schon wieder die Vielfalt. Alle sagen, dass es bald besser gehen wird. Ganz bestimmt. Es wird besser. Du wirst wieder glücklich sein. Versprochen.

Mein Verstand sagt „na klar“ – man sieht es oft genug bei anderen und ich kenne es von früher. Eines Tages ist aller Herzschmerz vergessen. Irgendwann ertappst du dich dabei, dass du wochenlang nicht mehr an „ihn“ gedacht hast. Dass die Verzweiflung gegangen ist und eines Tages auch der größte Teil der Traurigkeit. Vielleicht findest du sogar eine neue Liebe, schöner, größer, wundervoller als zuvor. Aber diesmal ist etwas anders.
ICH bin anders.

Es fehlt ein Puzzleteil, ein wichtiger Bestandteil von mir. Es geht nicht einmal nur um ihn, wobei ich natürlich das Idealbild, das ich von ihm habe, unfassbar vermisse. Ich habe inzwischen eingesehen, dass er fort ist und es kein Zurück gibt. Vielleicht möchte ich auch gar nicht zurück. Gestern bin ich mit der Bahn durch Hamburg gefahren, durch Eppendorf. Am liebsten wäre ich ausgestiegen, meine Straße langgegangen, in der alles so vertraut ist. Meine Wohnungstür aufschließen und da ist es: mein altes Leben, das Zuhause, der Mensch, auf den ich mich an jedem einzelnen Tag unserer gemeinsamen Zeit gefreut habe. Aber den wundervollen Menschen, den ich liebe, gibt es dort nicht mehr. An seiner Stelle sitzt jemand anderes auf unserem Sofa, isst von unseren Tellern und lebt zwischen den vier Wänden, die wir uns gemeinsam ausgesucht hatten. Damals, überglücklich, uns gefunden zu haben. Zu dem Jemand, der heute dort wohnt, der mir solches Leid zugefügt hat, möchte keinen Kontakt aufnehmen. Am liebsten nie wieder sehen oder von ihm hören – weil ich genau weiß: Der Lauf der Dinge ist, dass er mir noch einmal sehr weh tun wird. Wenn er weitergemacht hat. Oder genau wie vorher lebt. Wenn ich erfahre, dass er eine neue Partnerin hat. Er sehr glücklich ist. Oder sehr unglücklich. Es wird immer wieder weh tun. Weil er die eine Liebe war, mit der ich eine Zukunft geplant hatte. Der Lebensweg, den ich für mich gewählt habe und auf dem ich ein Stück mit ihm zusammen gelaufen bin. In eine Zukunft, die jetzt nur noch als gedankliches Konzept besteht. Futur Irrealis.

Doch er ist nicht alleine das, was fehlt. Ich fehle.
Wie geht neu anfangen? Ich bin immer autark gewesen, auch während unserer Beziehung. Weil manche Dinge gemeinsam nicht möglich waren, er keine Lust dazu hatte oder die Wochenenden verkatert im Bett lag – habe ich angefangen, Dinge alleine zu tun. Bin stundenlang spazieren gewesen, auf Fotostreifzügen, in Cafés gesessen, mit Freundin und Kind getroffen, meine Bücher gelesen. Ich war nie wirklich abhängig von ihm und ich komme zurecht alleine. Aber es macht nicht glücklich. Es macht nicht glücklich, sich alleine Abendessen zu machen. Niemanden dazu haben, der die Lasten mit einem teilt, die Sorgen, der einem manchmal Entscheidungen abnimmt oder erleichtert, die man nicht zu treffen in der Lage ist. Den Tag voll mit Aktivität zu packen oder totzuschlagen in dem Wissen, dass noch sehr viele Tage im Leben vor einem liegen. Wo ist er, der Sinn? Woher nehmen Menschen die Freude an dieser Sisyphos-Existenz?

Ich habe ein paar wirklich zauberhafte Freunde. Die mich anrufen, mir schreiben, mich aufmuntern, harte Wahrheiten aussprechen, mir Wein und Marmelade und Umarmungen schenken. Das tut gut und ich lache mit ihnen wie früher – aber das legt keinen Schalter um. Ich trage kein Glück mehr in mir. Wenn das Lachen verebbt die Gespräche beendet sind, nimmt meine dunkle Schwester mich wieder an der Hand und zieht mich mit.
In die Leere.

Ich möchte sie nicht gewinnen lassen. Will nicht, dass schlechte Gefühle mein Leben übernehmen, denn das bin ich nicht. Also funktioniere ich. Nehme zur Notiz, dass die Umgebung ganz nett ist. Kaufe ein wie alle anderen. Stehe morgens auf. Richte meine Wohnung ein. Nehme teil an dem, was andere so machen. Nicht für mich oder weil ich mein Leben mag. Für Papa. Für meine Freunde. Weil sie sich so bemühen, weil sie sich so sorgen. Weil jeder von ihnen mir die Last abnähme, wenn sie es nur könnten.

Transit bedeutet Warten. Irgendwann bewegt sich wieder etwas. Dann geht man ein Stück weiter, in eine neue Richtung.
Tief verwundet, aber nie besiegt.
Hass gewinnt nicht gegen meine Liebe.

Close your eyes so you don’t feel them
They don’t need to see you cry
I can’t promise I will heal you
But if you want to I will try
To sing this summer serenade
The past is done we’ve been betrayed
It’s true
Someone said the truth will out
I believe without a doubt
in you

You were there for summer dreaming
and you gave me what I need
and I hope you’ll find your freedom
for eternity, for eternity