Paralleluniversum

Der Kalender über meiner Kaffeemaschine muss mich nicht erst an das Datum erinnern.
Der 3. August 2015.
15 Jahre.
Wie immer ein Datum, an dem ich emotional instabil bin. Tollerweise ist heute Montag, also bleibt mir nichts anderes übrig als ins Büro zu gehen und auf dem Weg dorthin im Bus schon zweimal loszuheulen. Wie damals ist es ein herrlich sommerlicher Tag.
Ich stelle mir vor wie der heutige Tag hätte aussehen können. Wie es wäre, wenn dies ein Paralleluniversum wäre, in dem alles einen anderen Verlauf genommen hat.
Vielleicht wärst Du an diesem schönen Tag hier zu Besuch in Hamburg. Es wäre zwar immer noch Montag, aber ich hätte frei genommen. Angekommen wärst Du mit Deiner Sporttasche als Gepäck. Du würdest im Gästezimmer aufwachen – welches Du übrigens lieben würdest und in dem natürlich nicht so viele Bilder von Dir hingen. Wir säßen mit unseren Brillen und im Schlafanzug am Küchentisch und tränken erstmal Kaffee beim Nägelfeilen – eine Macke von uns beiden. Ich hätte Espresso, Du Milchkaffee mit Zucker. Aus Deiner „Oyer Kaffeehaferl“-Lieblingstasse.
Nach den ersten Lachflashs machen wir uns fertig. Deine mitgebrachten Schuhe sehen genauso aus wie meine, haben eben den selben Geschmack. Bequeme Bootsschuhe, Größe 40. Vielleicht tauschen wir auch. Wir gehen frühstücken im Café, erst danach rauchst Du genüsslich eine. Vielleicht hast Du auch inzwischen aufgehört. Du erzählst von Deiner letzten Tour mit den Tennismädels. Ihr spielt keine Turniere mehr – schließlich bist Du inzwischen 59 – aber immer noch zum Spaß zusammen, weil ihr eine tolle Truppe seid. Wir sitzen da und machen das, was wir am liebsten zusammen tun: „Leute gucken“. Vielleicht würdest Du Rosemarie, Marianne und Christa eine Whatsapp-Nachricht senden oder sogar ein Foto – bestimmt hätten wir Dir längst ein iPhone geschenkt, auch wenn Du nie ein Fan von Computern warst. Dann fahren wir zum Hafen. Da bist Du wie der Opa, Du willst immer am Wasser sein. Wir würden mit der Hafenfähre fahren, bis nach Finkenwerder und zurück. Das Deck ist schön leer und wir genießen die Sonne und die frische Brise auf der Elbe. Am Museumshafen steigen wir aus und gucken Schiffe. Mittagessen am Fischmarkt. Ich vegetarisch, Du Matjesbrötchen. Dann spazieren wir weiter, immer am Wasser lang, in unserem zügigen Tempo. Bei einem Hafenmusiker, der einen Beatles-Song spielt, bleiben wir stehen und singen laut mit und lachen uns dann kaputt, weil wir beide überhaupt nicht singen können aber es so schön ist, frei zu sein an solch einem Tag. Wir gehen bis ganz hinauf in die Hafencity, bestaunen unterwegs das viel zu große Containerschiff, das gerade getauft wurde. Ob die Oma das wohl auf NDR gesehen hat? Wir rufen sie an und bestellen viele Grüße an Opa, der bestimmt irgendwo im Garten ist. Wir essen Kuchen, Käsekuchen mit Mandarine oder Zupfkuchen und gucken wieder Leute. Mit Dir wird einem nie die Zeit lang, denn immer gibt es etwas zu bequatschen, auch wenn wir häufig telefonieren. Wenn ich Dir erzähle, was meine Gedanken und Pläne sind, dann bestärkst Du mich. Wenn ich Dir von meinen Sorgen und Fragen erzähle, hörst Du einfach zu und das tut gut. Es ist schön, Dich bei mir zu haben. Wir gehen kurz nach Hause um uns frisch zu machen. Ich habe Sonnenbrand vom vielen draußen sein und Du lachst mich dafür aus. Du bist natürlich nur noch brauner geworden, siehst gesund und frisch aus. Ich mische uns einen Hugo mit selbst gemachtem Holundersirup und Minze, danach sind wir angeheitert. Wir gehen irgendwo schön essen, wahrscheinlich beim Spanier. Ich trinke Wein, Du bestellst ein Bier vom Fass und freust Dich, dass es hier überall Jever Pils gibt. Du isst in kleinen Häppchen, wie eine vornehme Dame. Olli kommt vielleicht auch dazu nach der Arbeit. Ihr versteht euch wie immer bestens, blödelt viel. Reden und Lachen. Ich habe Dir so viel zu sagen, ich wüsste gar nicht wo ich anfangen soll. Wir bleiben, bis der Laden zu macht. Gutenachtkuss wie als ich noch klein war. Du riechst nach Nivea Creme. Wir freuen uns auf morgen. Dann hat Olli frei und wir fahren ans Meer …

Sommertage. Eine andere Wirklichkeit. Vielleicht auch ganz anders als man es sich ausmalt, denn niemand weiß, wie die Zukunft ausgesehen hätte.
Aber in meinem Traum ist es so perfekt. Weil Du niemals fort gegangen wärst und mit Dir der Mittelpunkt unserer Welten.
Was machen Planeten, wenn die Sonne plötzlich verschwindet?
Trudeln…frieren…im Kreis… um das schwarze Loch herum.
Und Zeit heilt keine Wunden.

Aushalten

Es ist die Zeit im Jahr, in der bereits der nahende Frühling vernehmlich ist. Die Amseln singen anders am Abend, fröhlich und noch lange nach dem Dunkelwerden. Zarter Duft, eine laue Strömung, wenn der Wind – im Englischen sagt man „crisp“ und das ist das schönere Wort, crisp ist er – hin und wieder nachlässt. An den Bäumen schimmern im Licht der Straßenlaternen erste Blütenknospen. Doch noch ist es nicht soweit.
Die Magnolien lassen auf sich warten, genauso das zarte Grün. Es ist ein Ausharren, ungeduldig und in dem Wissen, dass es eine Erleichterung, ein Aufatmen geben wird. Geben muss.

Inzwischen spüre ich den Winter in meinem Körper so sehr, dass ich es kaum erwarten kann, die Sonne, den Frühling einzuatmen. Ich will mich wieder aufrichten, erwachen, leben. Die letzten Monate zu beschreiben ist nicht einfach, zu viel ist passiert und ich kann nicht sagen „ein Auf und Ab“, denn im Grunde war es nur „ab“. Ich fühle mich permanent krank, mein Rücken schmerzt, mein Kopf. Ich sorge mich. Es ist ungewohnt für mich, zu kränkeln. Lange habe ich über einem Zeitungsartikel gegrübelt, einem Abschiedsbrief eines deutschen Gelehrten und Literaturkritikers, der sich im hohen Alter dazu entschieden hat, seinem Leben ein selbstbestimmtes Ende zu setzen. Er verabschiedete sich persönlich von Freunden, bedauerte zutiefst seinen Lebensgefährten, der zurückbleiben würde – und trat dennoch ab. Ich bin nicht sicher, ob ich inzwischen verstehe. Weniger als die Welt, die mitunter unerträglich ist, so ist es vor allem das eigene Ich, das es auszuhalten gilt. Die Jämmerlichkeit, das wehleidig Werden, sind unerträglich. Die dunkle Schwester hockt da und lässt sich nicht abschütteln. Seit wann genau sie wieder da ist, lässt sich schwer sagen, sie macht sich nicht sofort bemerkbar. Irgendwo vor zwei Monaten, als mein Herz kurze Zeit weit offen stand, muss sie hereingeschlichen sein. Ich werde immer mürrischer und unerträglicher – vor allem für mich. Meine Freude dauert 10 Sekunden, meine Weinerlichkeit oft Tage.
Ich weiß, sie wird das Weite suchen zu Ostern, wenn in der Heimat der Flieder zu blühen beginnt. Aussichten auf neue Herausforderungen und Pläne mit den Menschen teilen, die mir auf der Welt am meisten bedeuten. Sie wird gehen und ich wünsche mir, dass sie nie wieder zurück kommt.
Bis dahin: Aushalten.

It’s hard to dance with a devil on your back
So shake him off
And I am done with my graceless heart
So tonight I’m gonna cut it out and then restart
‚Cause I like to keep my issues drawn
It’s always darkest before the dawn

Sanduhrsand

Warum wiegt Traurigkeit so viel mehr als Freude. Ist es, weil wir sie alleine tragen? In seiner Traurigkeit ist ein Mensch alleine, jeder muss sie für sich bewältigen, muss einen Weg entdecken, damit weiter zu existieren, einen Weg, den niemand sonst einem weisen kann. Sind konditioniert, Freude zu teilen, doch nicht Trauer. Wir erzählen gern Witze, wer lustige Dinge zum Besten gibt ist ein Spaßvogel, ist der mit den meisten Freunden, viel lachen und der Mittelpunkt jeder Feier möchten wir sein, Jemand mit Ausstrahlung, mit dem man sich gerne umgibt, von dem die Leute sagen der ja, der – das ist vielleicht Einer! Fröhlichkeit. Sie steckt an und verbindet Menschen miteinander. In der Trauer. Jeder für sich. Wie geht es dir? Nicht gut, traurig. Kein Partykracher. Traurig sein weckt Mit-Leid. Wer möchte schon gerne leiden. Wer möchte Trauer bewältigen, wenn er stattdessen Witze hören kann. So bleibt ein jedes für sich. Der Trauernde spürt Erinnerungen nach, die wie Sand durch die Finger rinnen. Tonnenschwerer Sanduhrsand auf dem Herzen. Denkt an das, was nie wieder sein wird. Worte, die für immer ungesagt bleiben. Alleine mit den Gefühlen, die da geblieben sind und deren Gewicht dich unaufhörlich hinab zieht.

Staub

Ich habe eine Schreibübung gemacht, bei der man eine Assoziationswolke zum Wort „Staub“ aufschreiben und danach einen etwa 500 Worte langen Text verfassen sollte, in dem die Wörter vorkommen:
Staubwolke

Herausgekommen ist dieser Text. Leider passte das Raumschiff beim besten Willen am Ende nicht mehr in die Geschichte 🙂

Daniella zog die Wohnungstür hinter sich zu und trat hinaus auf die Straße. Es machte ihr nichts aus, dass der Nieselregen ganz langsam ihre Haare durchnässte. Sie war froh über die frische, vom Regen gesäuberte Luft. In der Wohnung war es stickig gewesen, noch muffiger als sonst. Dabei hatte sie die Fenster beim letzten Mal gekippt gelassen. Es hatte nichts gebracht. Die Wohnung schien zu spüren, dass sie verlassen worden war, dass nichts lebendiges mehr in ihr war bis auf ein paar Wollmäuse, die unbemerkt in den Ecken hin und her rollten, wenn ein Windstoß durch das Fenster wehte. Daniella hatte den Staub sehr wohl bemerkt, sich aber nicht drum gekümmert. Sie war nicht die Putzfrau und nicht zuständig dafür, dass die Wohnung in einem bewohnbaren Zustand blieb. Sie wusste nicht einmal, warum sie immer wieder in die leere Wohnung zurück kam. Seit die alte Frau gestorben war, für die sie früher öfters kleine Besorgungen gemacht hatte, fühlte sie sich aus irgendeinem inneren Antrieb verpflichtet, hier regelmäßig nach dem Rechten zu sehen. Sie fühlte sich der warmherzigen alten Dame verbunden und wusste, dass diese sich über die frische Brise in ihren Räumen gefreut hätte.
Emese Vákony war im Krankenhaus verstorben. Ihr Sohn, der wohl in Budapest lebte, hatte sich nicht zur Beerdigung blicken lassen und bisher hatte Daniella keine Information darüber, ob die Wohnung verkauft werden oder was damit passieren würde. Sie besaß noch immer die Schlüssel und war diejenige gewesen, die auf Bitten des Nachlassverwalters die Möbelpacker hineingelassen hatte, die das Hab und Gut von Madame Vákony wahllos in Kisten verpackten und wegschleppten. Wohin, das wusste sie nicht.
Daniella ging die Straße hinab, wich den Mülltonnen aus, die einfach mitten auf dem Gehweg platziert worden waren. An der Ecke bog sie links ab. Ein Wagen kam ihr entgegen, umfuhr eine Pfütze, die sie sonst wahrscheinlich voll abbekommen hätte. Sie betrat den kleinen Laden, in dem sie sonst für Madame Lebensmittel gekauft hatte, wählte eine Dose Katzenfutter und einen kleinen Blumenstrauß. Rosen, immer nur Rosen durften es sein. Keine herrlichen Duftrosen heute, dachte Daniella, tut mir leid, Madame! Aber es ging heute nicht anders. Sie wusste, dass die Vákony sich trotzdem gefreut hatte. Sie war so eine bescheidene alte Dame gewesen, immer liebevoll und freundlich zu ihr, der Studentin, die eigentlich nur in ihr Leben getreten war, weil sie ein paar Mark nebenbei verdienen wollte. Das war vor zwei Jahren gewesen.
Daniella hatte es nicht besonders gekümmert, als die ganzen alten Teppiche und Gemälde weggetragen wurde. Sicher waren sie wertvoll, aber sie hatte noch nie ihr Herz an irgendwelche Dinge gehängt. Ganz anders verhielt es sich mit dem Kater. Daniella hatte Léo bei sich aufgenommen, als Madame Vákony ins Krankenhaus musste. Der schwarze Kater mit den klugen gelben Augen hatte den Kopf schief gelegt, als Daniella mit einem flachen Obstkorb aus Weide die Wohnung betreten und ihn auf dem Küchentisch abgestellt hatte. Léo, mein Hübscher, du musst jetzt mit mir kommen, hatte sie ihm zugeflüstert, als sie auf einem der beiden Küchenstühle Platz genommen hatte und der Kater sie wie jedes Mal damit begrüßte, dass er seinen Kopf an ihrem Kinn rieb. Er sah ihr in die Augen und blinzelte, dann tappte er mit den Vorderpfoten in den Korb, dann mit den Hinterpfoten und nahm mit einer eleganten Bewegung Platz. Als Daniella den Korb hochnahm und mit ihm die Wohnung verließ, tat Léo so, als habe er sich sein Leben lang nie anders fortbewegt, als sich in einer Sänfte tragen zu lassen.
Daniella lächelte, als sie an den Kater dachte, der zuhause auf sie wartete – oder jedenfalls auf sein Abendessen. Er war Madames große Liebe gewesen und Daniella hatte ihr jedes Mal Fotos auf ihrem Handy zeigen müssen, die bewiesen, dass es ihm gut ging. Am liebsten hätte sie ihn bei sich im Krankenhaus gehabe, aber das war natürlich nicht erlaubt. Der Nachlassverwalter hatte kein großes Interesse an dem Verbleib der Katze gezeigt und Daniella war glücklich, dass ihre neue Wohnung dank dem Erbe, dass Madame Vákonys ihr in ihrem Testament zugesprochen hatte, groß genug für sie beide war. Léo würde fressen, dann würde er sich auf ihrem Schoß einrollen und hin und wieder schnurren, während sie an ihrer Abschlussarbeit für die Uni schrieb.
Daniella ging an den alten verwitterten Mauern des Kirchhofs entlang. Sie schob das schmiedeeiserne Tor auf, das nur wegen des Regens nicht so furchtbar quietschte wie sonst.
Emese Vákonys Grab war schlicht, aber dennoch hübscher als alle anderen. Der Grabstein, auf dem nur ihr Name stand sowie die Umrandung waren aus hellgrauem Marmor gearbeitet, der mit feinen schiefergrauen Streifen durchzogen war. Die schwarze Erde hatte Daniella erst vor wenigen Tagen fein geharkt. Guten Tag Madame, dachte sie, als sie den Blumenstrauß auswickelte und in die ebenfalls schiefergraue Blumenvase stellte. Ich komme ganz gut voran mit meiner Arbeit, berichtete sie der alten Dame, und ich soll Sie grüßen von Léo, er vermisst Sie ganz schrecklich. Naja, eigentlich fühlt er sich glaube ich sehr wohl bei mir. Daniella beeilte sich, diesen Gedanken weg zu schieben. Das gehörte sich nicht. Sowieso war es unsinnig, in Gedanken mit einer Toten zu sprechen. Aber irgendwie fand Daniella es unangemessen, ihre Worte laut auszusprechen, an diesem Ort, wo Asche zu Asche kam und die Lebenden ihre Erinnerungen hegten. Irgendwo zwischen der Sterne werde ich sitzen und runter gucken, Kind! hatte die alte Dame oft zu ihr gesagt. Wer zwischen den Sternen sitzt, der kann auch meine Gedanken lesen, dachte Daniella und lächelte. Die Besuche bei Madame auf dem Friedhof gaben ihr Kraft. Sie öffnete ihre Tasche und holte eine der teuren weil weißen Grabkerzen heraus, stellte sie in das Häuschen mit den bunten Glasfensterchen und griff nach der Streichholzschachtel in ihrer Manteltasche. Sie war nass. Während sie in ihrer Handtasche kramte, ob nicht vielleicht doch noch ein Feuerzeug irgendwo war, hörte Daniella plötzlich die Pforte am Eingang ins Schloss fallen. Sie hob den Kopf. Auf diesem Friedhof waren andere Besucher selten – vor allem so spät am Nachmittag und vor allem bei Regen. Ein Mann unter einem Regenschirm kam den Kiesweg entlang, blickte in ihre Richtung. Mist. Daniella hasste es, anderen Menschen auf dem Friedhof zu begegnen. Es störte ihre Andacht, ihre Zwiegespräche mit Madame Vákony. Ich muss gehen, meine Liebe, verabschiedete sie sich, die Kerze komme ich morgen anzünden, versprochen! Sie erhob sich und schulterte ihre Tasche. Der Mann mit dem Regenschirm blieb genau neben ihr am Grab stehen, blickte lange auf den Grabstein. Er war erstaunlicherweise recht jung, höchstens Mitte dreißig. Schwarzes, dichtes Haar. Er wandte den Kopf und blickte Daniella aus dunklen Augen an. Sein Mund verzog sich zu einem Lächeln.
„Hallo.“ sagte er. Seine Stimme klang warm.
„Äh. Tag.“ gab Daniella zurück, lächelte kurz und trat an ihm vorbei, um zu gehen. Verrückt, dachte sie, von einem Fremden auf dem Friedhof angesprochen werden.
„Entschuldigung…“ hörte sie den Mann hinter sich sagen. „Kannten Sie meine Nagymama?“

Alles ist erleuchtet

Wenn es mir nicht gut geht, gehe ich gerne spazieren. Zum Glück ist das Viertel, in dem ich wohne wie gemacht dafür. Es gibt Parks, aber auch ganz viele erleuchtete Straßen, in denen man stundenlang schlendern und nachdenken oder in Schaufenster gucken und träumen kann, wenn es schon dunkel ist.
Jetzt im Winter macht es mich oft traurig oder treffender: melancholisch, wenn drinnen in den Fenstern Licht ist und ich draußen in der Kälte stehe. Ich glaube ich habe es schon einmal hier beschrieben: Die erleuchteten Zimmer, vor allem solche, in denen es Bibliotheken gibt oder Kronleuchter oder weihnachtliche Lichter, erwecken den Eindruck einer heilen Welt. Man bekommt beim Anblick das Gefühl, dass es dort warm ist und behaglich. Ob die Menschen in diesen Zimmern glücklich sind, dass kann ich nicht sagen – ich bin ja auch kein Spanner, der lange in fremde Fenster glotzt 😉 Aber es weckt Wehmut danach, dass es warme gemütliche, vorweihnachtliche Stimmung noch irgendwo gibt. Ich gehe an Restaurants vorbei und sehe Menschen darin sitzen und manchmal jemanden, der ganz alleine dort sitzt. Das macht mich traurig. Ich möchte niemals ganz alleine sein, so arm dass ich fein essen gehen kann, aber niemanden mehr habe, der das Leben mit mir teilt. Nicht alles im Leben ist immer perfekt. Darum gehe ich dann spazieren und denke nach. Eine Beziehung hat Höhen und Tiefen und man kann vieles erreichen, aber niemals einen Menschen ändern. Aber hatte deswegen meine Mutter Recht, als sie einmal zu mir sagte „Nichts ist einsamer, als mit der falschen Person zusammen zu sein?“
Ich stelle fest, ich bin ein bisschen wie sie geworden. Ich gebe viel in einer Beziehung und habe aufgehört, einzufordern. Meine Freunde höre ich manchmal sagen, ich habe besseres verdient. Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, stärker zu sein und sich selbst mehr in den Mittelpunkt zu rücken und dann vielleicht alleine im Restaurant zu sitzen: Vielleicht ist diese Person da ja überzeugter Single oder hat sich gerade dazu entschlossen, sich zu trennen. Möglicherweise isst der Partner auch einfach nicht gerne Italienisch und darum geht die Person lieber alleine, damit sie ihr Essen genießen kann. Nur für sich mal etwas machen. Vielleicht solllte ich die Person bewundern statt bedauern? Ich stecke im gleichen Muster fest wie damals meine Mutter und doch ist es vielleicht auch ganz ganz anders. Vielleicht ist es gar nicht so schlimm, „festzuhängen“ an jemandem. Weil ich nicht stark sein müssen will. Ich will einen Kronleuchter, eine warm erleuchtete Stube und irgendwann wieder eine glückliche Tannenbaumfamilie. Ich will geben, die Wohnung dekorieren und alles schön machen – auch wenn niemand sich darum schert. Ich möchte es auch nicht missen, jedes Jahr wieder einen Adventskalender tagelang mit Sachen zu befüllen, auch wenn ich vielleicht nie einen zurück bekomme. Ich will es so – denn ich will auf gar keinen Fall mehr das Gefühl haben, alleine auf der Welt zu sein. Es klingt dumm vielleicht, mit etwas Distanz, aber ich habe immer noch Hoffnung, dass alles gut werden kann und es tatsächlich diese Menschen gibt, die mit dir bis ganz zum Schluss gehen werden und für die alle diese Mühen es wert sind. Haltet eure Lieben warm, liebe Leser – der Winter naht und es wird Zeit, wieder zu zurück zu gehen, in eine dieser erleuchteten Wohnungen.

Geburtstagsbrief

Danke, Mama, dass Du mir dieses Leben geschenkt hast. Ein ganzes Menschenleben, hervorgegangen aus Deinem eigenen und daher für immer untrennbar mit Dir verbunden. Ein Leben mit Allem, was dazu gehört, was ein Leben so haben sollte: eine Kindheit voller Sonne, Osterkörbe, Kuchenessen und Tierparkbesuche. Eine Jugend, um Erfahrungen zu machen, stets unter Deinem Schutz.
Ein Leben als Erwachsene, um Fehler zu machen. Um die Liebe kennen zu lernen und die Trauer. Herauszufinden, dass dies die Eckpfeiler meines Daseins sind, zwischen denen ich polarisiere. Ein ganzes Leben Zeit, zu lieben, zu lernen, klüger zu werden oder darauf bewusst zu verzichten, Freunde zu gewinnen, die dieses Leben mit mir teilen werden – bis hoffentlich ganz zum Schluss.
Danke für dieses Geschenk. So fragil. So kostbar. So einzigartig. Und so traurig, dass Du nicht hier bist um zu sehen, was ich damit anfange.

Die Unerträglich(e Leichtig)keit des Seins

Früher war einfach alles leichter. Das ganze Leben war ein Kinderspiel, auch die Freizeit lief nach ganz einfachen Regeln ab: Erst die Hausaufgaben, danach durfte ich tun und lassen, wonach mir der Sinn stand. Oder: Das Wetter ist schön, ab nach draußen mit Euch!
Heute habe ich große Probleme damit, meine Freizeit auszufüllen. „Sinnvoll auszufüllen“, kreischt da auch schon wieder mein Gehirn. Alles, was wir als Erwachsene tun, muss ja immer irgendeinen Sinn erfüllen: Etwas nützliches herstellen, den Körper polieren (oder mit der Spitzhacke beackern) Freundschaften so pflegen, dass niemand zu kurz kommt, gesellschaftlichen Verpflichtungen nachkommen (das Sommerfest in der Kita, die Einladung vom Chef). Von so viel Zweckmäßigkeit schwirrt mir der Kopf, ich will einfach einmal wieder lernen, mit dem Herzen zu fühlen und zu entscheiden „Was möchte ICH denn eigentlich“?
Unter all den Effizienz-Robotern der heutigen Gesellschaft bin ich wohl ein falsch programmierter Prototyp. Meine Fehlfunktion besteht darin, alles zu hinterfragen, den Sinn zu suchen und daran zu verzweifeln, dass ich ihn nirgends entdecken kann, obwohl er irgendwo da in einem meiner Roboter-Mikrochips versteckt sein muss. Ich sehe den Sinn nicht mehr in meinem Beruf, obwohl ich gerne arbeite. Doch wenn ich schon den ganzen Tag in einem Büro sitze, sollte das Ganze dann nicht auch etwas bewirken? Ich sehe keinen Sinn mehr darin, gesellschaftlichen Verpflichtungen nach zu kommen, es strengt mich nur noch an, unter fremden Menschen zu sein und Smalltalk zu betreiben. Wozu auch? Warum muss ich gute Miene machen gegenüber Menschen, die mir nichts bedeuten und denen ich ebenso vollkommen egal bin? Wie kann das zu den Dingen gehören, die von einem erwartet werden und die Mensch sein definieren. Ich sträube mich so sehr mit Händen und Füßen dagegen, dass meine Zeit verplant wird mit inhaltsleeren Aktivitäten – und was ist, wenn ich dann einmal Zeit habe, so nur für mich?
Ich bin im Moment zuhause. Mein Arzt hat mich krank geschrieben, wegen „Erschöpfungszustand“, weil ich in seiner Praxis gar nicht mehr aufhören konnte zu heulen. Nun gibt es schicke Schilddrüsentests, fröhlich-gelbe Johanniskrauttabletten, die erst in 3-4 Wochen wirken (Yay, pünktlich zum 11.11. damit ist die Stimmung ja gerettet) und dazu die zwei-Wochen-Hausaufgabe, in mich zu gehen und meinen Lebensentwurf zu überdenken. Der onkelhafte Doktor hatte nach dem Blick auf mein Geburtsdatum auch noch den gut gemeinten Tipp, wenn’s grad im Job mau liefe, könne ich ja auch einfach ein Baby bekommen, das würden viele in meinem Alter machen. Meine Fruchtbarkeitsuhr tickt also ganz schön laut. Nein, der Mangel an Nachwuchs ist ganz sicher nicht das, was mich so beschäftigt und überfordert. Mit dem fehlenden Lebensentwurf hat er schon eher den Nagel auf den Kopf getroffen.
Ich habe es doch wirklich schön, habe Abi machen und studieren können, bin in meine Traumstadt gezogen, in meiner Familie geht es allen gesundheitlich gut, meine Freunde sind toll und das beste von allem ist mein Verlobter, mit dem ich die schönste Zeit meines Lebens haben darf.
Allerdings, schon beim Gedanken daran, dass ich mir über meine Zukunft Gedanken machen muss, verdrehen sich die Augen und mein Magen fährt mit mir eine Runde Breakdancer. Es ist zu viel. Zu viele Entscheidungen auf einmal: Was für ein Job? Etwas Neues („Au ja, was mit Tieren!“, schreit da mein kindliches Herz), etwas Altes („Du bist gut in Deinem jetzigen Job – mach das irgendwo, aber für eine bessere Firma“, sagt die Karrierefrau in mir) oder zurück zu den Anfängen („Das einzige, was Du ganz okay kannst, ist Schreiben“, sagt der Verstand). Hinzu kommt das große WO? Bin ich schon bereit, Hamburg zu verlassen oder möchte ich noch etwas bleiben? Für mich steht fest, wäre meine Familie nicht, die mich vielleicht eines Tages um sich braucht, würde ich in Hamburg bleiben. Aber so wäre es vielleicht doch sinnvoll, wieder zurück zu gehen. Mein Haus, mein Auto, mein Boot auf dem Baggersee. Ein neuer Job, das bedeutet auch neue Kollegen und Vorgesetzte, wieder ein neues soziales Umfeld und wie ja alle wissen, ist das nicht gerade meine große Stärke. Alleine der Gedanke, an einem Monatsersten in ein völlig fremdes Büro zu gehen und mich allen vorstellen zu müssen…der blanke Horror!
Ich sitze also zuhause rum und schiebe all das von mir. Versuche, in kleineren Schritten zu denken und wieder zu mir zu finden: „Was möchte ich? Was ist denn gerade mein Bedürfnis?“- und die anderen Stimmen in meinem Kopf halten jetzt bitte für einen Moment die Klappe! Funktioniert eher suboptimal. Gestern ging es. Da unglückliche Frauen sich ja bekanntlich die Haare abschneiden oder die Wohnung neu dekorieren, habe ich es mit Letzterem versucht und es hat mir sogar Spaß gemacht, in ein Geschäft zu gehen, ein paar neue Kerzen hinzustellen, Fotoabzüge für einen Bilderrahmen zu ordern und den Badezimmerschrank neu zu sortieren.
Heute hingegen kann ich machen was ich will, der Schweinehund (so nenne ich meine dunkle Schwester jetzt, denn das passt ziemlich gut zu ihrer fiesen Art!) gewinnt immer: „Hey, lass uns doch mal wie so eine französische Dame frühstücken gehen und dabei die Zeitung lesen.“ – „Was alleine? Auf keinen Fall. Leute werden dich angucken und beim Essen beobachten und Du wirst Dich unwohl fühlen.“ „Hm, das Schwimmbad ist morgens und bei Regen bestimmt schön leer.“ „Schwimmen? So dick wie Du bist? Außerdem haben wir schon geduscht heute.“ „Vielleicht auf dem Sofa liegen und ein neues Buch…“ „…LAAAANGWEILIG!“

Das einzige, worauf Schweinehund und ich uns derzeit verständigen können, sind Spaziergänge („Hallooooo, es regnet vielleicht die ganze Zeit?“), klassische Musik hören („So lange es nicht den ganzen Tag so geht“) und Yoga-Übungen („Du meinst, auf’m Teppich rumliegen und atmen? Au ja!“). Dann eben das. Leider kann man davon weder Geld verdienen, noch kann man damit als Erwachsener Anfang dreißig sein Leben füllen („Zweck? Zweck?“). Ich fühle mich so müde, als wäre ich eine steinalte Oma, die schon alles erlebt hat. Dabei bin ich jung und möchte Spaß haben am Leben, so lange ich eben nicht alt bin. Ich möchte Pläne machen und wert schätzen können, was ich alles habe. Ich möchte genießen, dass ich meine Lieben um mich habe, mit ihnen eine schöne Zeit haben und neue Erinnerungen schaffen. Vielleicht heilt die Zeit ein wenig, vielleicht kommt mir mit der Ruhe die Eingebung, welches meine nächsten, ganz langsamen Schritte in die Lebensfreude sein könnten. Vielleicht sollte ich therapeutisches Kastanienmännchen-Basteln versuchen. Handarbeit soll ja helfen, die innere Mitte zu finden. Ansonsten….kann ich mir immer noch die Haare abschneiden.

Der Blaue Salon

Als Kind hatte ich ein Buch über Traumdeutung. Ich habe jeden Traum – meistens habe ich irgendwas von Pferden geträumt – in Symbole zerlegt und mittels meines Buches versucht, diese zu deuten. Ich konnte mich schon immer sehr gut an meine Träume erinnern und kann daher eines mit Gewissheit sagen: mein Gehirn feiert nachts ohne mich ’ne Party! Meine Träume sind bunt und irre, manchmal auch verwirrend, wenn ich beispielsweise mal wieder in einer fremden Stadt mit unglaublich vielen Bahngleisen lande. Manchmal trösten mich die Träume, oft kann ich in ihnen fliegen. Es kommt vor, dass ich eine komplette Story träume, die einen super Film ergeben würde- wenn man sich erinnern könnte. Hin und wieder tauchen darin Menschen aus der Vergangenheit auf, an die ich seit Jahren nicht mehr gedacht habe. Ob es da ausgemistet hat, das liebe Gehirn und Kisten mit uralten Erinnerungen aus dem Keller geholt hat?

Heute Nacht hatte ich einen sehr traurigen Traum und ich verstehe ihn wieder einmal nicht. Im Traum war ich bei meiner Oma, die seit vielen Jahren tot ist. Im Traum war die Oma noch da und Opa gerade verstorben. Alles war ganz anders als es tatsächlich gewesen ist: Mein Opa ist nämlich im Krankenhaus verstorben, er hatte auf meine Oma gewartet, bevor er die Augen für immer geschlossen hat.
In diesem Traum war er einfach morgens nicht mehr aufgewacht – und ich wusste das alles schon – das Bett, in dem er gestorben ist, hatte die Oma immer noch nicht gemacht. Meine Oma war im wahren Leben mit allem so sorgfältig und ordentlich, dass sie sogar Socken gebügelt hat.
Im Traum lag die Oma einfach im „Blauen Salon“ (so nannten wir ihr Gästezimmer, wegen des himmelblauen Teppichs) im Bett und schlief. Ich war die einzige Fremde in dieser Wohnung, in der alles genau so war, wie ich es erinnere, die Gegenstände, der Geruch, sogar die kühlere Zimmertemparatur des Blauen Salons. Nur ich war fremd – und die Traurigkeit. Ich legte mich zu meiner Oma und hielt tröstend ihre Hand und wir schliefen tagelang. Nach paar Tagen war immer noch Opas Bett nicht gemacht – die Trauer hatte meine sonst so aktive fleißige kleine Oma völlig aus der Bahn geworfen. Mich hat dieses Gefühl eingenommen, ich konnte es selbst fühlen: den Schock darüber, dass das gemeinsame Leben nun plötzlich zuende gegangen war. Keine Kraft, aufzustehen, das Bett zu machen und das Leben „danach“ zu beginnen. Die Lebensgemeinschaft, die die Beiden seit ihrer gemeinsamen Schulzeit miteinander verbunden hatte, hielt wie im wahren Leben wirklich bis zum Tode. Was mich an diesem Traum so verwirrt hat, war die Intensität des Verlustschmerzes und die Ruhe in der Wohnung. Diese Stille, die der Schock nach sich zieht, wie die Ruhe vor dem Sturm, bevor die eigentliche Trauer einsetzt und hoffentlich weinen können die Schockstarre ablöst.

Ich bin verwundet über diese Vermischung von Begebenheiten, die sich so nicht zugetragen haben, mit realen Ereignissen und erlebten Sinneseindrücken. Mein Traum hat mich zurückgebracht in diese Wohnung, die Hand meiner Oma fühlte sich ebenso real an wie der Schmerz, auf einmal ohne meine Liebe alleine auf der Welt zu sein. Eine von zwei Hälften, die übrig geblieben ist und nie wieder ganz sein wird.

Anders als im Film „Inception“ kann ich mich im Traum oft an die Vorgeschichte erinnern. Ich schaue auf Uhren und Kalender und manchmal weiß ich auch ganz sicher, dass ich mich in einem Traum befinde, da die Personen, mit denen ich gerade spreche, nicht mehr leben.
Es ist eine ungeheuere Leistung, die das menschliche Gehirn da zu stande bringt und vielleicht werden wir irgendwann verstehen, warum wir eigentlich träumen.
Ein Pferd ist ein Pferd, dafür brauche ich mein kleines Traumdeutungs-Buch nicht mehr. Kleine Mädchen wünschen sich halt Pferde. Und große Mädchen? Vielleicht, nie wieder diesen schrecklichen Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen erleben zu müssen. Weil dieser, einmal erlebt, ewig lange in uns nachhallt.

sinnfrei

Tage wie heute sind der Grund, warum ich mich manchmal wie eine Aussätzige fühle – ausgesetzt in meinem eigenen Leben. Es ist ein Wochenende im Sommer, ich verbringe Zeit mit lieben Freunden und meinem Verlobten, rumliegen und grillen im Park, während anderswo in Deutschland gerade Menschen durch Hochwasser-Fluten waten und zuschauen müssen wie alles, wie ihre ganze Existenz und alles, was ihnen lieb und teuer war, in den Fluten versinkt.

Ich habe es so gut in diesem, meinem Leben und kann trotzdem beim besten Willen manchmal nichts damit anfangen. Ich schäme mich dafür, mitten im Glück immer wieder diese trüben, völlig selbstsüchtige Gedanken zu haben. Worauf hast Du denn jetzt Bock, Verena?, fragen meine Freunde. Ich? Mich hier auf den Bootssteg setzen und den ganzen Tag einfach nur zuschauen, wie ihr anderen so lebt!

Ich kann es nicht ändern, so gerne ich es würde. Meine Glücklichkeitsskala ist irgendwo oben einfach abgebrochen. Knicks. Sie reicht nun nur noch von „ganz ok“ bis etliche Meter unter dem absoluten Gefühls-Gefrierpunkt.

Nein, liebe Frau Therapeutin, ich bin nicht mehr gefährdet, vor eine Bahn zu laufen. Hatte ich im Übrigen auch nie vor – mal unter uns gesagt – ich brauchte einfach wen zum quatschen und außerdem fand ich Ihre Espresso-Bohnen in Schokolade so lecker und unsere Gespräche über Bücher – die haben mich mit einem Gefühl von Heimeligkeit erfüllt. Schön war das.

So schöne Momente sind selten geworden. Ich habe dazu gelernt, mich besser angepasst und gelernt, die Menschen aus meinem Leben zu verbannen, die mir nicht gut tun und diejenigen, die mir gut tun werden, mit meiner „nach außen“-Persönlichkeit anzuziehen. Ich habe wahnsinnig tolle Menschen um mich herum. Die mich lieben, auch wenn ich ganz schön scheiße bin manchmal. Menschen die wissen, dass man mich nicht beim Essen beobachten darf oder auslachen, weil ich dann schlechte Laune bekomme. Menschen, die ich von Herzen liebe, weil sie so großartige Persönlichkeiten und Lebensziele haben, und für die ich alles tun würde. Nur eins können all diese Menschen nicht – weil das nur einer könnte – nämlich ich: Mich endlich mal wieder begeistern, dem Leben, das ich da habe, einen Sinn verleihen.

Schöne Zeit ist deswegen ganz selten geworden. Ganz spontan auf ein Bierchen rausgehen und dann die ganze Nacht durchtanzen oder ein tolles Gespräch führen. Von der Seele reden, reden, so lange, bis die Stimme heiser wird und die Augen ganz rot sind. Nachts, wenn alles schläft, erwachen meine Lebensgeister manchmal und wollen tanzen! Das sind die Momente, in denen ich das Leben spüre.

Ich weiß ganz genau, dass ich eines Tages, wenn ich krank werde oder wenn ich eine gebrechliche Omma bin, zurückschaue und bereue. Mich sehnen werde nach der Zeit, als ich noch alle Möglichkeiten hatte, diese tolle Welt zu entdecken und das Leben voll und ganz auszukosten. Wie tut man das? Wie geht auskosten? Wie genießen?

Wie wird man seines Lebens froh? Wie findet man das, was dem Leben Sinn gibt?

Irgendwann hast Du alles, wonach dein irdisches, sich leicht blenden lassendes Ich sich sehnen könnte: Ein schickes Auto, alle Traum-Urlaubsziele angeflogen, ein weißes, stuckverziertes Häuschen in einer sauberen, sicheren Umgebung – mit Rhododendron im Vorgarten oder einfach am Meer. Und dann? Dann, liebe Verena, sitzt du in deinem Häuschen am Meer und wirst wahrscheinlich noch immer nicht glücklich sein.

Ich weiß, dass mir der ganze materielle Scheiß nichts bedeutet. Ich weiß, dass Klamotten kaufen, beruflich Erfolg haben und mit guten Lebensmitteln kochen nur ein Trost ist, der darüber hinweg täuscht, was eigentlich mein Problem ist: Es ist leichter, den Magen zu füllen, den Lebenslauf mit guten Referenzen oder den Kleiderschrank mit noch mehr Schuhen, als mein Leben mit mehr Sinn.

Also schreibe ich meinen „runterzieh-Blog“, mache ich Fotos und versuche, durch den Sucher die Welt und ihre Geschichten mit mehr Liebe zu betrachten, was mir manchmal gelingt. Ich lese, weil ich Trost finde in dem Sinn, den andere gefunden und den sie festgehalten haben zwischen zwei Buchdeckeln. Ansonsten fehlt mir einfach der Kompass, den Sinn zu finden in meinem Leben und der Antrieb, diesen zu suchen.

Kleines Wunder

Vor einigen Jahren – ich weiß nicht mehr genau, wann – habe ich Mamas alte Taschenuhr bekommen. Die hatte früher manchmal um ihren Hals gehangen, manchmal aber auch an der Lampe in ihrem Zimmer, zusammen mit einem Traumfänger und einer Haarsträhne, die sie aufbewahrt hatte von damals, als sie noch lange Haare hatte. Ich weiß noch, sie hat ihre Haare geschnitten, als sie krank wurde und in ihrem Tagebuch stand „die langen Haare haben mir kein Glück gebracht.“

Die Taschenuhr hat vorher meiner Uroma gehört – sozusagen ein Familienerbstück. Leider ist sie kaputt und wir haben schon mehrfach versucht, sie aufzuziehen – allerdings vergebens, gab einfach kein Lebenszeichen von sich. Stand einfach immer auf zwanzig vor zwölf und gut. Sie ist auch nicht besonders wertvoll glaube ich – dennoch hat sie einen immensen Wert für mich und ich trage sie manchmal zu besonderen Anlässen.

Gestern habe ich sie getragen, weil Mamas Geburtstag war. Ich sitze also mit meiner Uhr so in einem Meeting auf der Arbeit und schweife in Gedanken immer wieder ab, weil ich traurig bin, an Mama denke. Ich spiele mit meiner Taschenuhr, klappe sie auf und zu und auf einmal bemerke ich, dass die Zeiger eine andere Uhrzeit zeigen. Halte sie ans Ohr und höre ein leises Ticken!

Ein Wunder – aus heiterem Himmel hat meine kleine Uhr angefangen, wieder zu ticken…ganz unregelmäßig zwar, so dass die Zeitmessung damit nicht wirklich funktioniert…aber wenn ich sie ans Ohr halte, tickt sie leise und tröstend vor sich hin.Wie ein kleines Herz, das ich schlagen hören, an mich drücken und immer bei mir tragen kann.

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