fragile mind

So wurde ich denn gefragt, warum ich schon länger nichts mehr geschrieben habe. Die Antwort kam mir sehr direkt in den Sinn: Weil ich gerade in der Fastenzeit bin und mir der Rotwein fehlt, der sonst so oft der Begleiter meiner meist nächtlichen Schreibattacken war.
Kleiner Hemingway.
Hinzu kommt, dass ich im Grunde nur dann in den Schreibfluss komme, wenn mich etwas bewegt, etwas passiert ist. Ich entweder zu einer neuen Erkenntnis für mein Leben gelangt bin, ich ich festhalten oder mir etwas von der Seele reden möchte.
Beides – Alkoholkonsum und das Leben im Grenzbereich von Gefühlen, die mich in den Abgrund reißen können – sind Zustände, denen ich nicht länger Platz in meinem Leben einräume.
Sich betrinken, um Gefühle besser zu ertragen (in meinem Falle eher: zu ergründen) ist eine sehr hässliche Fratze, die mir mein altes Leben oft genug vorgeführt hat.
Ich will es nicht länger.
Ebenso wenig wie den freien Fall.
Also schreibe ich. Schwebend, nüchtern und ganz klar.
Ich habe Angst, das Gleichgewicht zu verlieren, den fragilen Zustand. Erst heute wieder gefährdet durch einen bösen Traum: Eine Person, ich glaube in Vertretung meines Unterbewusstseins, sprach darin zu meinem Freund, unwissend, dass ich mithöre. All meine Zweifel, aber auch gemeinen Spott und Hohn – dass ich ja sowieso nicht wisse, was ich will, dass ich ihn wohlmöglich enttäuschen würde, dass meine Ex-Partner die bessere Wahl gewesen seien. Ich war schockiert und wütend, sogar noch lange nach dem Aufwachen.
Wie gemein! Wie hinterhältig! Was für Lügen!
Oder?
Zweifel kamen auf: Vielleicht hatte die Person im Traum nur ausgesprochen, was ich eigentlich denke, mir Zugang zu meinem unbewussten Wissen gewährt. Der zweite Gedanke brachte mich dann aber zum Lächeln: Mein Ex, besser? In welcher Welt?? Jemand der mich so behandelt hat? Definitiv: Auf gar keinen Fall wahr! Ich bin froh um den jetzigen Zustand, einen Menschen an meiner Seite zu haben, der mich achtet und ehrlich mit mir ist. Wo auch immer es hingehen wird.
Dann hat mich ein Gespräch mit einer Freundin beschäftigt. Sie erzählte mir – was ich noch nicht wusste – dass besagter Ex an Karneval seine neue Freundin (die es gar nicht gibt, welche dreiste Unterstellung von mir, haha!) im Freundeskreis vorgestellt hat. Zu dieser Gelegenheit muss er auch wieder kräftigst auf die Tränendrüse gedrückt haben, weil ihn jetzt alle doof finden. Sogar soweit, dass seine Neue die Freunde angegangen ist, dass diese sich ja nie bei ihm melden würden. Der arme. Also echt.
Ich weiß nicht, was diese Information mit mir macht. Es ist nichts neues. Es interessiert mich nicht besonders und bringt mich auch nicht mehr zum weinen vor Wut und Hass auf diese falsche Person, die meint, Menschen zu manipulieren und anzulügen, habe seinen Platz in Freundschaften. Für den Freunde sowieso nur für die Kneipe gut sind und für die man nicht Zeit, Interesse, ein Ohr, ein Herz hat. Oder denen gegenüber man auch mal nen Fehler einräumt, statt sich weiter aufzuführen wie die personifizierte Arroganz.
Ich weiß nicht, was es macht. Es lässt mich auch nicht kalt. Doch ich werde es aushalten.
Kein Wein. Kein Weinen. Es ist alles in Ordnung. Es geht mir gut. Ich habe überlebt. Das schlimmste, was ich mir vorstellen konnte im Leben, gleich zweimal überstanden. Ich stehe noch hier. Alles ist sicher, er kann mir nicht mehr weh tun, auch wenn seine beißenden Worte es bis in meine Träume schaffen. Während er an irgendwelchen Theken hängt und mir nachts Mail mit weinerlichen, selbstmitleidigen Vermiss-Dich-Popsongs schickt.
Ich bekomme mein Leben wieder in den Griff. Ich wähle die Sonne, auf dass der Schatten hinter mich fällt.

I
CHOOSE
HAPPINESS

Nachtmusik

Manchmal ist Watte in die Ohren stopfen das Richtige, vielleicht auch einfach die einzige mögliche Lösung. Wenn die Welt zu viel wird. Watte, die die Geräusche da draußen erträglicher macht. Eine Decke um dich herum, die dich vor all dem versteckt und sei es nur für eine Weile. Wenn der Lärm, die Erwartungen der Welt und deiner selbst an dich zu viel werden, dann ziehst du dich hierhin zurück. Es ist ein warmes und angenehmes Gefühl hier drin. Aber ein seichtes. Wachliegen. John Lennon singt. Eine Stimme, die aus vergangenen Tagen an mich dringt. I didn’t mean to hurt you I’m sorry that I made you cry. Früher. Früher, da hätte ich weinen können. Lange und echt. Den ganzen Schmerz zugelassen. John und meine Mama und ich, wir haben einander verstanden und die Herzen restlos ausgeleert in jenen Momenten. Jetzt liege ich hier und blinzle lediglich. Wundere mich, wo sie hin sind – meine Traurigkeit, meine Fröhlichkeit. All die starken Gefühle, Hass und Liebe und Wut und Freude, von denen ich weiß dass sie mich einmal ausgemacht haben. Schaue einen Film der eigentlich sehr rührend sein müsste. Ein Mädchen, die Eltern taub und auf ihre Hilfe angewiesen, möchte raus in die Welt und singen. Und sie singt herzzerreißend schön. Mes chers parents, je pars. Je vous aime mais je pars. Vous n’aurez plus d’enfant ce soir. Je n’m’enfuis pas, je vole. Comprenez bien, je vole. Sans fumée, sans alcool. Je vole, je vole. Ich fliege nicht. Ich gehe auch nicht, ich bleibe da. Verharre unter meiner Decke noch länger, versuche die Wärme aufzusaugen wie ein Keimling, der die Kraft sammelt, bald Richtung Sonne zu wachsen. Was kann Wärme bewirken, die nicht tief genug reicht? Lebe meine Tage an der Oberfläche. Wohl wissend, dass die Untiefen da sind. Ich will nur nicht hinabschauen. Ein Pflaster, das sich über meine Wunden gelegt hat. Es ist nicht das selbe Gefühl. Da fehlt etwas. Die tiefgründigen Gespräche, Augenblicke, das verzweifelte Hassen und das innigst Lieben, die zusammen gingen. Intensiv. Lebendig. Ich. Oder? Am Ende sind unter dem Pflaster die Wunden längst vernarbt und die Stelle bleibt für immer taub. Eine dicke Eisschicht. So I remember we were driving, driving in your car. The speed so fast, I felt like I was drunk. City lights lay out before us and your arm felt nice wrapped ‚round my shoulder. And I had a feeling that I belonged. And I had a feeling I could be someone, be someone, be someone.

Kopfgerümpel

In den letzten Wochen häufen sich die schlechten Träume. Das zeigt, dass es immer einige Monate dauert, bis Erlebnisse ihren Weg ins Unterbewusstsein finden. Dabei geht es mir inzwischen wieder ganz gut. Die wildeste Zeit ist vorbei, alles geht seinen Lauf: Eine kurze Aussprache mit dem Ex gehabt, ihm alles Gute gewünscht und es so gemeint. Mit der Verwandtschaft über meine berufliche Situation gesprochen, auch wenn ich Angst davor hatte, da ich ihnen damit wieder Sorgen bereite. Mich frei gekämpft von ihren (und meinen eigenen) Erwartungen und Vorhaltungen. Ich gebe mein Bestes, um bald wieder etwas Neues anzufangen, aber ich genieße auch das, was gerade schön ist in meinem Leben. Zumindest versuche ich es. Die Träume funken dazwischen. Sie nehmen mich mit, lassen mich mit schlechtem Bauchgefühl aufwachen und vergiften das sanfte Bewusstsein und die verzeihende Haltung gegenüber dem Leben, die ich mir angeeignet habe.
Meine Oma meinte, das sei sicher nicht leicht, nach so einer Geschichte wie im letzten Jahr offen für eine neue Beziehung zu sein. Alle sagen das. Ihr macht euch ja keine Vorstellung! Ich bin dabei das Problem. Während sich meine neue Liebe von der allerschönsten Seite zeigt, spinnt mein Kopf. Jede Nacht Alpträume, in denen ich mich mit ihm streite, richtig streite. Oder in denen einer meiner Ex-Partner (von denen sich zwei so ähnlich waren, dass sie im Traum sogar ständig das Gesicht tauschen) mich hintergeht. Überall blonde Kolleginnen, heimliche Telefonate, hinterhältiges Grinsen und Lügenkonstrukte. Dabei hat nur ein Mensch in meiner Vergangenheit mich so mies behandelt. Genau der, für den ich meine Hand ins Feuer gelegt hätte. Der vielleicht schwierig war und seine Probleme mit in die Beziehung brachte, von dem ich aber zuvor niemals mitbekommen hatte, dass er andere Frauen auch nur ansah. Ich war mir zu 200 % sicher, dass diese Person die treueste Seele auf der Welt war.
Wenn man sich dermaßen sicher war und dann hintergangen wurde, dann ist es doch nur verständlich, dass man dem neuen Gefühl für einen anderen Menschen, den man erst seit kurzem kennt, noch nicht vertrauen kann. Oder?

Kannst du wieder lieben wie früher, nachdem dich jemand ruiniert hat?

Oder ist es vielmehr so, dass ich das Problem bin. Weil ich Muster aus meinen vorangegangenen Beziehungen aufleben lasse: Im Gegensatz zu mir konnte er nicht ausschlafen, ist nach einem Arbeitstag noch eine Stunde bis zu mir gefahren. Statt dass ich dafür dankbar bin nehme ich nur wahr, dass er ruhiger ist als sonst. Mag er mich schon nicht mehr? Gibt es ein Problem? Ich beginne zu grübeln und ihn mit Fragen zu nerven. Der Kreislauf beginnt von vorne, wenn man es nicht verhindert. Offen bleiben, mit Freude annehmen, was diese neue Bekanntschaft schönes mit sich bringt. Gefühlen trauen. Nette Gesten bemerken: Er hinterlässt mir ausgedruckte Illustrationen mit schönen Zitaten, wenn er wieder fährt. Er legt wert darauf, dass wir das nächste Treffen direkt planen, hat immer eine Wanderroute ausgetüftelt, wenn ich zu Besuch komme und wir raus fahren. Er trägt den Rucksack, den ich mit Proviant vollstopfe. Er kümmert sich rührend um mein Wohl, Kaffee ans Bett, Kölsch im Kühlschrank wenn meine Mannschaft spielt, Decke aufs Sofa…So sollte es doch sein, in einer Partnerschaft. Das sollte man pflegen und sich bewahren. Nicht vergleichen, grübeln, Fehler suchen oder ausmalen, was schief gehen könnte.
Ich wünschte, ich könnte all das Vergangene einfach wegpacken, auf den Dachboden damit zu dem anderen Gerümpel und nicht mehr daran denken.

Frust

Endlich 2017. Yay. Alles wird besser.
Wisst ihr was, ich habe das alles jetzt schon so satt! Neue Ziele setzen, sich neu ausrichten, neu „angreifen“ soll ich, wenn es nach anderen geht. Wenn mein Vater wüsste, wie sehr seine Wortwahl ins Schwarze trifft. Angreifen. Die Arbeitswelt ist für mich Kriegszustand gewesen in der letzten Zeit: Krieg gegen mein Gewissen, meinen Körper. Alles in mir sträubte sich dagegen, in diesem Zirkus noch länger effektiv (von kreativ ist schon lange nicht mehr die Rede gewesen) zu sein. Aber ohne Job bist du wertlos, sitzt nur nutzlos herum. Dass es zwischen den Feiertagen wenig Sinn macht, nach Jobs zu schauen, dass man die Jobs von heute auch nicht mehr per Zeitungsannonce oder noch besser „geh doch einfach mal beim DüMong Verlag vorbei!“ findet, das wird nicht beachtet. Faul ist man. Und dumm dazu. Was machste denn jetzt? Wie, du gehst jetzt Freunden beim Umzug helfen? Hier, ein paar unsinnige Links über die Berufswelt. Bewerbungs-Einmaleins. Kannste bestimmt brauchen. Die Geheimcodes der Arbeitszeugnisse. Ahja. Dass ich jeden Morgen um halb acht anfange den Haushalt zu schmeißen, mich weiterbilde, mir Gedanken mache und wie eine Irre nur noch dran denke, wo es hingehen könnte – uninteressant. Ich mache anderen nichts als Sorgen. Und sitze rum. „Du wärst echt besser mal Gärtner geworden – aber da verdienste ja nix.“ Ja, Bingo. Ich wäre auch sehr viel lieber Gärtner. Weil ich lieber draußen bin als in einem Büro. Und was mit meinen Händen schaffen möchte, als nur in Meetings Sessel warm zu sitzen. Und warum habe ich stattdessen studiert? Weil ich gezwungen wurde. Weil ich JEDEN Tag mir anhören durfte, dass ich mich ja wenigstens mal einschreiben könnte, damit ich meine Halbwaisenrente bekomme. Wenn ich schon ein nutzloser Idiot mit Abi bin, der nach dem Tod seiner Mutter sich nicht um Karriereoptionen schert. Sowas aber auch! Dass ich einfach nicht funktionieren kann! Warum bin ich damals aus Köln weg, ganz alleine? Aus dem gleichen Grund: JEDEN TAG gefragt wurde, warum ich immer noch keinen Job habe und mich schlecht fühlen musste, wenn ich nach dem Bewerbungen schreiben meiner Freizeit nach oder jobben ging.
Klar bin ich dankbar, dass ich mein Elternhaus überm Kopf habe – mehr als das. Ich bin sehr sehr glücklich, dass ich hier nach meinem Jahr des großen Auf-die-Fresse-fallens ankommen durfte.
Aber heißt das, dass ich mich behandeln lassen muss als wäre ich 5? Mein Vater hängt sogar meine Wäsche ab und neu auf! Ich mache das falsch, findet er. Brote schmieren, Laub kehren, Karotten reiben – ALLES mache ich falsch. Ich kann nämlich offensichtlich gar nichts und habe in 16 Jahren nie mein Leben alleine geführt.
Ich weiß, er macht sich vorrangig Sorgen. Nur leider drückt sich das allein in Bevormundung aus. Er weiß, wie Dinge richtig gehen – ich bin die Idiotin, die zu dämlich für die Ehe war (Er hat’s ja gleich kommen sehen) und jetzt auch noch zu unfähig, ihren Job zu behalten. Nichts als Sorgen bereite ich.

Mann, was fühl ich mich gerade willkommen.
Am besten schreibe ich gleich wahllos ein paar Agenturen an, auf ein paar weitere Jahre im Marketing- und Werbezirkus. Denn wo man die Seele verkauft, gibt’s wenigstens ordentlich Gehalt dafür!
Und das ist es doch, was gezählt wird.

At the end of the day

Silvesterlauf trotz Schmerzen im Fuß. Alles Grün trägt glitzernde kleine Eiskristalle, der Himmel ist strahlend blau und ich musste einfach da hinaus. Eine letzte Runde drehen. Die klare kalte Luft, die Sonne, die mir ins Gesicht scheint, bringen mich zum Lächeln. Immer breiter wird es, bis ich schließlich oben stehe, auf dem kleinen Hügel mitten auf dem Feld, und ganz breit grinse. Ich. Bin. Hier.
Und dann kullern ein paar Tränen. Tränen der Erleichterung, der Dankbarkeit, des Glücks. Einfach nur da zu sein.
Vor ein paar Monaten war das undenkbar für mich.

Eines weiß ich: Man sollte nicht sagen „schlimmer geht es nicht“ – denn man ahnt gar nicht, was noch alles passieren kann. Vor allem aber sollte man niemals denken „ich pack das nicht“. Denn in uns allen steckt sehr viel mehr Kraft, Resilienz und Anpassungsfähigkeit, als wir uns selbst zutrauen.

Mein Handy spielt die von Spotify bereit gestellte, persönliche Playlist aus den Liedern, die ich dieses Jahr am meisten gehört habe – und ich lache den Rest des Weges, während ich dieses Achterbahnjahr Revue passieren lasse.

In unbestimmter Reihenfolge:

Love like mine – Hayden Pannettiere
I might stay up drunk on wine, hurt like hell and ugly cryin‘ black mascara tears
I might lock my door, sleep with my phone, miss you bad for a month or so, but let me tell you something my dear:
I’m gonna be just fine but you’re never gonna find another love like mine

In your face! 😉

Im Ascheregen – Casper
Der Tanz im Ascheregen…schön schnell…oft gehört beim Laufen. Immer einen Schritt nach dem anderen setzen, das Alte hinter dir lassen.

Pocahontas – AnnenMayKantereit
Festhalten statt loslassen. Wissen, dass es sinnlos ist. Sachen abholen. Es tut mir leid, Pocahontas. Aber es ist besser so.

Alles im Leben hat seine Zeit – Peter Maffay
Einfach hören. Immer wieder.

Best fake smile – James Bay
Schöne Erinnerung an einen Roadtrip. Die Kraft, die Freundschaft einem schenken kann. Authentisch sein dürfen, auch wenn‘ dir scheiße geht. Und am Ende: Freundinnen, die es tatsächlich schaffen, einen zum Lachen zu bringen. Bis morgens um 7 auf der Tanzfläche, Team Schnapspraline!

Sieben – Subway to Sally
Magisch. Gibt Kraft.

Shake it out – Glee Version
It’s always darkest before the dawn. Jede noch so dunkle Nacht hat irgendwann ein Ende.

Alles widder dunn – Kasalla
Un et jit jarnix, överhauptnix, et jit nix wat ich bereu. Nä nä nä jarnix, överhauptnix – denn ich wor mer immer treu.

For good – from „Wicked“, by Kristin Chenoweth & Idina Menzel
Der Song, den ich gerne auf meiner Beerdigung gespielt haben würde.
I’ve heard it said that people come into our lives for a reason
Bringing something we must learn and we are led
To those who help us most to grow
If we let them
And we help them in return
Well, I don’t know if I believe that’s true
But I know I’m who I am today
Because I knew you…

Danke an alle, die mich unterstützt haben, in welche Form auch immer.
Das Lächeln ist für Euch! <3 silvester

Liebes 2016,

eines muss ich Dir lassen: Du bist verdammt konsequent! Anscheinend hast Du Dir zum Ziel gesetzt, mich in diesem Jahr so richtig auseinander zu nehmen und zu testen, wie viel ich ab kann – und das ziehst Du gnadenlos bis zum Jahresende durch.
Ist auch ziemlich naiv von mir gewesen, dass ich mich nach der Trennung, der Jobsuche, dem Umzug, dem Scheidungstermin, Todesfall in der Familie, dem Neuanfang hier fast schon sicher gefühlt hatte. Als sei ich angekommen in meiner neuen Wirklichkeit und dürfe jetzt wieder anfangen, Spaß am Leben zu haben und mich sogar am Ende noch mit der Liebe zu versöhnen. Nix da! hast Du gesagt und mich mit der Kündigung zum Montagmorgen zurück auf die Bretter befördert. Guter Punch!
Dann humple ich halt jetzt meine Weihnachtspost wegbringen (denn ne Sportverletzung hast Du mir auch noch beschert, wie aufmerksam von Dir!) und dann zum Arbeitsamt.
Fröhliche Weihnachten, Du Arschloch-Jahr!

Tante Augurri kommt zu Besuch

Draußen prasselt Novemberregen an die Rolladen. Ansonsten ist es leise.
Die Uhr zeigt 00.02, mein Handy ist auf Flugmodus gestellt. Noch ein bisschen Stille, so mache ich das jedes Jahr.
Kennt ihr das Gefühl, wenn man Geburtstag hat und einem selbst macht das nichts – ich finde Geburtstage ziemlich blöd und wünschte, es wäre ein Tag wie jeder andere – aber man hat das Gefühl, alle Menschen schauen einen anders an? Wie früher, wenn die Eltern Geschenke vor einem verstecken oder man in die Klasse kam und alle wussten Bescheid. Zum Glück gibt es heute keine Überraschungen.
Dieses Jahr ist vieles anders. Ich überlege, ob heute vielleicht ein guter Tag ist, um den Verlobungsring irgendwo vergraben zu gehen, den mir der Ex vor 4 Jahren an diesem Tag angesteckt hat. Damals schon war alles – inklusive der eine Woche vorher im Suff auf einer Party bei Freunden rausposaunten Überraschung – eine einzige Bühne für seine Ego-Show. Zum Glück muss ich dies nicht mehr erleben.

Dieses Jahr bin ich wieder alleine, aber nicht einsam. Ich habe das Gefühl, zum ersten Mal einen richtigen Erwachsenengeburtstag zu haben. An dem ich 36 werde. Ein Alter, in dem die meisten schon gar nicht mehr „Tick Tack“ denken, wenn du erzählst, dass du keine Kinder hast. Oder Single bist. Es ist der Geburtstag, an dem mich niemand mit Kaffee ans Bett und Geschenk weckt, ich ganz normal arbeiten gehe, ein bisschen Kuchen mitbringe und abends ein paar enge Menschen zum Essen in ein Lokal meiner Wahl einlade. Es wird Weinschorle geben, außer für meine schwangere Freundin. Es ist auch ein Geburtstag, an dem ich am Vormittag auf eine Beerdigung gehe. Eine Erwachsene, die einem Freund beisteht, weil das so wichtig ist und irgendwie, die Ironie: dass mein Ehrentag für ihn einer der schwärzesten Tage in seinem Leben wird.

Es ist 00.07 und noch immer prasselt Regen. Ich liebe Regen. Ich liebe auch den Herbst, wenn auch die düstere Jahreszeit mir immer Sorge bereitet. Ich fürchte dann immer, wieder abzudriften in eine depressive Phase, wie so oft in den letzen Jahren im Winter. Doch auch das ist in diesem Jahr anders. Ich bin entspannter, gelassener. Die Jahreszeiten kommen und gehen wie alles im Leben. Das erste Mal habe ich ein Gefühl dafür, dass das Leben fließt. Sich wehren hat keinen Zweck. Das nehmen, was es dir bietet und es formen. Aber niemals verharren oder gar versuchen, rückwärts zu kommen, denn das kostet dich deine ganze Kraft.
Weihnachten steht vor der Türe und auch das wird anders sein dieses Mal. Die letzten Jahre habe ich viel Zeit und Liebe in die Weihnachtszeit gesteckt. Die Wohnung wurde geschmückt, es gab einen Adventskalender, selbst gebastelte Karten und Kekse, sowie sehr viele Weihnachtsessen mit Freunden. Es war immer herrliche Zeit voller Kerzen und Lichter, Weihnachtsmusik, Polarexpress und Märchentheater. Voller Freude darüber, gemeinsam die kindliche Freude an der Weihnachtszeit wieder zu entdecken.

Es wird anders sein. Nüchterner, erwachsener. Es wird ein paar Glühweine geben mit Kollegen und Freunden. Es wird ein Weihnachtsessen geben, weil sich das so gehört. Pragmatisch. Es wird nicht das Highlight werden, auf das ich mich bisher jedes Jahr so sehr gefreut habe.

Stille Nacht.

Heute, am Ende eines harten Jahres, das mein Leben wie kein anderes geprägt hat, steht mein Geburtstag auch dafür: Dass mir jemand alles genommen hat. Und mich doch nicht kaputt bekommen hat.

Ich bin immer noch da.

Freundesieb

Es kommen Zeiten im Leben, da hält man kurz inne, meist nach einer besonders harten und anstrengenden Etappe und schaut sich um. Wer ist bis hier mitgegangen? Wer geht nach wie vor an deiner Seite?
Viele Menschen können das wohl bestätigen: In der Not zeigt sich, wer deine Freunde sind. Das habe ich damals gemerkt, als meine engsten Freunde – so dachte ich – auf einmal nichts mehr von sich hören ließen. Keine Karte, kein Anruf. Als sei ihnen etwas schlimmes widerfahren, nicht mir. Wer mit mir in der Kirche saß und mir beistand, als es hieß Abschied zu nehmen, waren teils alte Freunde, teilweise solche, deren Rückgrat und der Ausdruck ihrer Zuneigung und des Respekts mich sehr beeindruckt haben. Das sind wahre Freunde. Die, die in guten wie in schlechten Tagen dir zur Seite stehen.
Schwere Zeiten sind darum nicht nur ein Nährboden für persönliches Wachstum, sondern auch ein prima Sieb, um die falschen von den wahren Freunden zu trennen. Denn manchmal verschwimmt die Sicht, lässt man sich allzu gerne verführen von den Brotkrumen der Zuneigung, Versprechen, Perspektiven, die sich mit einer neuen Freundschaft eröffnen. Nicht immer ist man dabei auf einen echten Freund getroffen.

Es gibt Menschen, die sind nur so lange Freunde, wie sie es auf Entfernung sein können. Versprechen dir Zeit, die sie nie einlösen. Vergewissern dir, dass du ihnen wichtig bist, kommen aber nie vorbei, schlagen nie ein Treffen vor und bringen lahme Ausreden, weil du ihnen dann wohl doch gerade zu anstrengend bist in deinem Kummer. Ich habe diese Entschuldigungen so satt. „Sorry“ und Affen-Emojis sind leider kein Ersatz für geschenkte Zeit, die Gelegenheit für gute Gespräche und den Willen, mir bei meinem Neuanfang beizustehen. Dann eben nicht.

Wahre Freunde brauche ich gerade sehr und ich bin glücklich, diese zu haben. Solche, die mich trotz der eigenen Sorgen bei sämtlichen albernen Überlegungen, Plänen, neuen Hobbys und fixen Ideen bedingungslos unterstützen. Menschen, die mir sagen „ich hab dich lieb“ oder „ich glaub an dich“ und die zulassen, dass ich mich zur Zeit neu (er)finde. Da ist die Freundin, die mich immer wieder liebevoll erdet auch wenn ich zum hundertsten Mal dieselben Gedanken wälze. Die gleichzeitig mit mir träumt von einer besseren Zeit – obwohl sie gerade ihre eigene Existenz gründet und weiß Gott genug wichtigeres zu tun hätte. Oder die Freundin, die gerade schwanger und in einem völligen Umbruch im Leben ist, die sich aber immer wieder mit Freude die Zeit nimmt, mit mir zu lachen, mir Vorschläge zu machen für gemeinsame Unternehmungen, die mich deutlich spüren lässt und mir zu verstehen gibt „Ich möchte, dass du Teil meines Lebens bleibst“. Das Pärchen, übrig gebliebene Freunde aus dem Dunstkreis meines Ex‘, die sich so rührend gekümmert haben vom ersten Tag, die mich mitnehmen unter Leute und auch akzeptieren können, wenn ich mal in meinen Cocktail weine. Die Freundin aus Hamburg, die sich trotz kleiner Tochter und Vollzeitjob die Zeit nimmt für stundenlange Telefonate, die wie eine feste Umarmung gut tun. Oder auch der Freund, mit dem ich zwar nicht mehr die enge Verbindung habe wie früher, der aber in den langen Nächten des Jammerns und der Selbstzweifel nach der Trennung für mich da war, mich wieder beruhigen konnte wie kein anderer, der mir klar und deutlich gesagt hat „jetzt ist aber gut“ und auch „du bist gut“.

Ich bin dankbar für mein Freundesieb und glücklich, dass fantastische Menschen darin hängen bleiben, ohne die es schwer gewesen wäre, den Weg weiter zu gehen. Danke, dass es euch gibt. Für euch will ich wieder stark werden, wieder lachen wie früher, wieder ein Mensch sein mit dem man gerne Zeit verbringt und der euch Zeit schenkt und für euch da ist – an leuchtenden wie an den traurigen Tagen im Leben.

Höhle bauen

Ich bin in meinem Kinderzimmer, in meinem neuen Bett mit den passenden Regalen, die sich langsam mit neuen Gegenständen und Büchern füllen, die ich noch nicht gelesen habe, wie gute Vorsätze für diesen Lebensabschnitt. Die Tür ist abgeschlossen obwohl gar keiner da ist. An den Wänden der türkisblaue Streifen, den ich damals unbedingt gemalt haben wollte, um Fotos meiner Freunde dort aufzuhängen. Die Bilder sind lange weg und mit ihnen die Menschen, die mein Leben bestimmt haben. An ihre Stelle sind andere Menschen in mein Leben getreten, in den letzten Jahren mir ans Herz gewachsen – analog zur Entfernung voneinander wächst wohl der Raum, den jemand in deinem Herzen einnehmen kann.

In diesem Zimmer habe ich mit meinem ersten Freund geknutscht, hab versucht, Geister zu beschwören, oft gegrübelt und mit dem Leben gehadert, gelernt für Schule und Uni, geweint, sehr viel geweint. Vor fast acht Jahren wollte ich raus hier, weg von all den Erinnerungen, dem Anecken, mich lösen von den Bevormundungen und dem Betüdeln durch die Familie. Das alles war zu engmaschig, um mich darin selbst finden zu können. Weg in eine andere Stadt, einfach so und ganz alleine. Ich kann bis heute nicht verstehen, woher der Mut dafür kam.

Nun erklingt aus dem CD-Spieler meiner Anlage, die meine Eltern mir zum 16. Geburtstag schenkten, wieder Musik. Zuhause. Nur ein Ort war mir zwischen seitdem und heute ein echtes Zuhause und ich versuche, nicht mehr daran zu denken, weil ich jeden Kratzer im Holzfußboden kenne und vermisse und das Knarzen manchmal im Schlaf hören kann. Es war Freiheit, nach Jahren mein Lachen wiedergefunden, Wochenendgäste haben, Möbel in weiß und grau und blau, Strandhaus-Feeling, Eichhörnchen im Garten, mein Zuhause. Stattdessen bin ich wieder hier. Baue mir eine Höhle unter der Bettdecke und bin irgendwas zwischen erwachsen und kindlicher Unbeholfenheit. Ich genieße die Enge, das betüdelt werden, das tröstende Gefühl, dass es noch dort ist, mein trauriges Zimmer und Rettungsboot, mit all seinen Erinnerungsschätzen. Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.
Bin ich klüger geworden in den Jahren? Habe ich gefunden, wonach ich gesucht habe, also mich? Nein. Ja. Ich weiß es nicht. Fühle mich, als habe ich viel erlebt. Einmal gewonnen und dann alles verloren. Habe selbstbestimmt gelebt, Freundschaften geschlossen, Jobs gewechselt, Entscheidungen getroffen, in der Ferne Erwachsensein gespielt. Die große Liebe gefühlt, die noch größere Ernüchterung. Habe meinen tiefen Glauben verloren und dafür etwas vielleicht noch Wichtigeres gewonnen: Vertrauen in mich, erworben in sehr vielen dunklen Tagen, alleine mit meiner Trauer, Verzweiflung, Wut. Auf das Leben, auf ihn, auf mich. Was habe ich mir nur gedacht, warum habe ich mich täuschen lassen? Wie beim trinken – am Abend vorher es für eine gute Idee gehalten weil es sich gut anfühlte und dann am nächsten Tag denken „nie wieder“.
Aber an sich glauben ist schön. Das Wissen, dass man immer wieder aufstehen wird. Trauer bringt mich nicht um. Verletzt werden bringt mich nicht um. Die Hoffnung verlieren bringt mich nicht um. Am Ende ist das Leben nichts als eine Aneinanderreihung von Ereignissen, die alle nicht gut ausgehen werden. Aber es ist mein Leben. Ich kann es verbocken oder genießen, hinfallen und aufstehen. Immer und immer wieder. Bis ich nichts mehr habe als Erinnerungen und Narben und niemandem, der die Geschichten dazu hören möchte weil er selbst ausreichend davon hat.

Ich könnte, nein ich sollte, da wieder rausgehen und etwas Neues versuchen. Sollte „unter Leute“ gehen und endlich einen Plan davon entwickeln, was ich noch möchte vom Leben. Mehr Bücher. Andere Leute. Wieder lachen. Wieder verlieben? Gerade mal Halbzeit.
Aber noch nicht. Noch schließe ich mich hier ein. Die Musikanlage auf Repeat, genau wie mein Kopf. Mein Vertrauen in mich ist noch bröckelig und die Welt da draußen zermahlt dich in wenigen Tagen, wenn du zu früh rauskommst. Ich weiß das. Nein. Noch ein bisschen unter der Decke verstecken, bevor ich wieder jemand sein muss.

Staring at the ceiling in the dark
Same old empty feeling in your heart
‚Cause love comes slow, and it goes so fast

Well, you only need the light when it’s burning low
Only miss the sun when it starts to snow
Only know you love her when you let her go

Völkerball

Warum ist man so, wie man ist?
Warum ist man nicht in der Lage, im entscheidenden Moment, nur für diesen einen Einspruch, diesen einen Satz, eine Stunde, jenen besonderen Abend, in eine andere Rolle zu schlüpfen und sich über die eigenen Grenzen hinwegzusetzen?
Ich wünschte, ich hätte irgendwo im Verlauf meines Lebens gelernt, eine Maske aufzusetzen. Das schauspielerische Handwerk, das viele beherrschen: Nur für heute mal normal sein, sich verhalten wie alle anderen. Die Chance nutzen, die Neuanfängen innewohnen soll. Stattdessen bleibe ich fremd statt nachzuahmen, wie die anderen im Rudel das machen:
Im Raum nebenan ist Handshake, ist Musik („Die Eine, die immer lacht…“), sind lauter Menschen mit Masken, die das Beste daraus machen und den Abend genießen und für ein paar Stunden Sorgen, persönliche Befindlichkeit und Komplexe hinter sich lassen, um einander kennen zu lernen.
Ich bin hingegen nichts als Befindlichkeit: In solchen Situationen kann ich meistens nicht essen und wenn mir nicht ein barmherziger Mensch, der mich schon länger kennt, ein Glas in die Hand drückt, werde ich den ganzen Abend am Rand sitzen und kein Wort sagen. Nach ein oder zwei Gläsern merke ich, wie ich lockerer werde, was jedes Mal in Panik umschlägt. Was, wenn niemand hören will, was ich rede? Wenn ich lalle, zu laut bin, man mich lächerlich findet? Der Blick meiner neuen Chefin – missbilligend oder interessiert daran, mehr von mir zu erfahren? Ich habe nichts dagegen, dass man mich nicht mag. Aber heutzutage ist alles verwässert: Man hasst sich nicht mehr aus Gründen, man findet den anderen höchstens lachhaft und wer möchte schon ausgelacht werden. Das kränkt so viel mehr als Hass. Dies wäre ein Abend, neue Freunde zu machen. Panik bei mir. Alle schauen dich an. Niemand hier ist wirklich mein Freund, ich kenne euch kaum. Keine Verbündeten, nur potentielle Fettnäpfchen. Wieder einmal bin ich die, die nicht mehr mit in die gesellige Runde passt, die sich am Ende auf dem Balkon sammelt. Bin das Bücherbus-Mädchen, die Klassenbeste, die trotzdem und gerade drum als letzte gewählt wird.
Leben unter Menschen ist ein ewiges Völkerballspiel.
Und ich bin die Dicke mit der Brille, die, wenn sie nicht abgeworfen wird, über die eigenen krummen Füße stolpert.