to forgive is to set a prisoner free

…and to discover that the prisoner was you.

Weiss du noch, am Aanfang
Wie leich dat alles lossging
Du sohs mich, ich soh dich
Un dä Ress wor einfach klor
Wat es do schief jelaufe
Wo sin mir zwei falsch affjeboge
Av wann han mer verjesse, wä mer wore
Woröm is dat nit mih richtig
Un woröm is dat jetz esu falsch
Un woröm schreit dat Hätz noch immer „Jo“

Da war es nun, dieses Gespräch auf das ich fast ein Jahr gewartet und es stets gefürchtet habe. Weil ich genau wusste, es wird eines Tages kommen. Und dass mir dann die richtigen Worte fehlen würden.
Was soll man zu jemandem sagen, der einmal die große Liebe war, der einen Ring am Finger trug, „E levve lang“ – und das mit Füßen getreten hat. Der jetzt einräumt, dass er damit den dümmsten Fehler gemacht hat und es sich vor der Welt und seinem überdimensionalen Ego nicht eingestehen, nicht zurück rudern konnte. Pech gehabt, mag man denken. Ich hingegen empfinde Mitgefühl. Zumindest glaube ich, dass es nicht bloß Genuugtuung ist, die mich milde stimmt.

Wochen und Monate habe ich gewusst, dass ihm aufgehen wird, wie mies er mich behandelt hat. Selbst wenn es nur ein Reinwaschen für sein Gewissen war, ein Geständnis nach einer Flasche Kabänes, nachts auf der Tanzfläche einer Karnevalsparty – so weiß ich doch, wie viel bitterer Ernst darin steckt. Auch wenn mich der Betrug, die Lügen, die Eiseskälte voll erwischt haben, kenne ich doch die Untiefen dieser Persönlichkeit wie niemand sonst. Er hat mich hineinsehen lassen in die traurige Vergangenheit, seine kaputte Seele, die nachts wach auf dem Sofa liegt, ein Kuscheltier überall mit hin nimmt, traurige Lieder zu Gott singt und auf eine Vergebung hofft, die er sich selbst nicht gewährt.

Ich möchte so vieles antworten, so vieles loswerden und sage dann doch nur: „Es geht mir gut. Werde glücklich.“

Es ist nicht die Zeit und der Ort dafür. Nicht auf einer Karnevalsparty, mit zwei Freundinnen im Rücken, die mit Konfettipistole im Anschlag „Sag was und ich bring ihn für dich um!“ rufen. Nicht hier. Nicht nachdem auch ich jemand Neues kennengelernt habe. Jemanden, der mir gut tut und mir zeigt, dass Liebe nicht Drama und alles an einander auslassen sein muss, sondern unbeschwert, einfach und aufrichtig sein kann.
Nicht nachgeben, nicht zurückfallen, stark bleiben in dem, was ich mir mit Mühe aufgebaut habe. Jetzt ist nicht die Zeit dafür. Vielleicht kommt sie auch nie mehr.

Er hätte so viel Zeit gegeben. Monate, in denen mein Telefon stumm blieb. Die Zeit vor der Scheidung, die Wartezeit bei Gericht. Es gab immer die Möglichkeit für eine Aussprache. Ich habe oft darum gebeten. So viele Wege hätten offen gestanden, wäre ein Wille da gewesen.

Aber nicht jetzt, an dem Punkt an dem ich endlich eingesehen habe, dass die große Liebe ein Ende haben darf. Dass „für immer“ eben manchmal nicht für immer bedeutet. Man darf sie gehen lassen. Man muss.

„The only way out of the labyrinth of suffering is to forgive.“
John Green, Looking for Alaska“

Leseliste 2017

Neues Jahr, neue Liste!

Januar:
Pflanzliche Notnahrung: Survivalwissen für Extremsituationen von Johannes Vogel
Ende der Märchenstunde – Wie die Industrie die Lohas und Lifestyle-Ökos vereinnahmt von Kathrin Hartmann
Tschik von Wolfgang Herrndorf
Born to run (Hörbuch) von Christopher McDougall
Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten von Becky Chambers

März:
A Court of Thorns and Roses von Sarah J. Maas

April:
Ikigai – Gesund und glücklich hundert werden von Héctor García & Francesc Miralles
Florence Grace von Tracy Rees
A Court of Mist and Fury von Sarah J. Maas
Die zwei Leben der Florence Grace von Tracy Rees
Eat & Run von Scott Jurek
The End of the World Running Club von Adrian J. Walker

Mai:
Paladin von Sally Slater (Hörbuch)

Juni:
Die Intelligenz der Tiere von Carl Safina
The universe has your back von Gabrielle Bernstein (Hörbuch)

Juli:
Blackout von Marc Elsberg (Hörbuch)

August:
Milk & Honey von Rupi Kaur

September
„Wovon ich rede wenn ich vom Laufen rede“ von Haruki Murakami
Das Finisher-Handbuch von beVegt
Depression & Other Magic Tricks von Sabrina Benaim

Oktober
Quality Land von Marc-Uwe Kling
How to stop time von Matt Haig
Die Suppe lügt von Hans-Uwe Grimm

November
How not to die von Michael Greger

December
Seven of Crows von Leigh Bardugo

Frust

Endlich 2017. Yay. Alles wird besser.
Wisst ihr was, ich habe das alles jetzt schon so satt! Neue Ziele setzen, sich neu ausrichten, neu „angreifen“ soll ich, wenn es nach anderen geht. Wenn mein Vater wüsste, wie sehr seine Wortwahl ins Schwarze trifft. Angreifen. Die Arbeitswelt ist für mich Kriegszustand gewesen in der letzten Zeit: Krieg gegen mein Gewissen, meinen Körper. Alles in mir sträubte sich dagegen, in diesem Zirkus noch länger effektiv (von kreativ ist schon lange nicht mehr die Rede gewesen) zu sein. Aber ohne Job bist du wertlos, sitzt nur nutzlos herum. Dass es zwischen den Feiertagen wenig Sinn macht, nach Jobs zu schauen, dass man die Jobs von heute auch nicht mehr per Zeitungsannonce oder noch besser „geh doch einfach mal beim DüMong Verlag vorbei!“ findet, das wird nicht beachtet. Faul ist man. Und dumm dazu. Was machste denn jetzt? Wie, du gehst jetzt Freunden beim Umzug helfen? Hier, ein paar unsinnige Links über die Berufswelt. Bewerbungs-Einmaleins. Kannste bestimmt brauchen. Die Geheimcodes der Arbeitszeugnisse. Ahja. Dass ich jeden Morgen um halb acht anfange den Haushalt zu schmeißen, mich weiterbilde, mir Gedanken mache und wie eine Irre nur noch dran denke, wo es hingehen könnte – uninteressant. Ich mache anderen nichts als Sorgen. Und sitze rum. „Du wärst echt besser mal Gärtner geworden – aber da verdienste ja nix.“ Ja, Bingo. Ich wäre auch sehr viel lieber Gärtner. Weil ich lieber draußen bin als in einem Büro. Und was mit meinen Händen schaffen möchte, als nur in Meetings Sessel warm zu sitzen. Und warum habe ich stattdessen studiert? Weil ich gezwungen wurde. Weil ich JEDEN Tag mir anhören durfte, dass ich mich ja wenigstens mal einschreiben könnte, damit ich meine Halbwaisenrente bekomme. Wenn ich schon ein nutzloser Idiot mit Abi bin, der nach dem Tod seiner Mutter sich nicht um Karriereoptionen schert. Sowas aber auch! Dass ich einfach nicht funktionieren kann! Warum bin ich damals aus Köln weg, ganz alleine? Aus dem gleichen Grund: JEDEN TAG gefragt wurde, warum ich immer noch keinen Job habe und mich schlecht fühlen musste, wenn ich nach dem Bewerbungen schreiben meiner Freizeit nach oder jobben ging.
Klar bin ich dankbar, dass ich mein Elternhaus überm Kopf habe – mehr als das. Ich bin sehr sehr glücklich, dass ich hier nach meinem Jahr des großen Auf-die-Fresse-fallens ankommen durfte.
Aber heißt das, dass ich mich behandeln lassen muss als wäre ich 5? Mein Vater hängt sogar meine Wäsche ab und neu auf! Ich mache das falsch, findet er. Brote schmieren, Laub kehren, Karotten reiben – ALLES mache ich falsch. Ich kann nämlich offensichtlich gar nichts und habe in 16 Jahren nie mein Leben alleine geführt.
Ich weiß, er macht sich vorrangig Sorgen. Nur leider drückt sich das allein in Bevormundung aus. Er weiß, wie Dinge richtig gehen – ich bin die Idiotin, die zu dämlich für die Ehe war (Er hat’s ja gleich kommen sehen) und jetzt auch noch zu unfähig, ihren Job zu behalten. Nichts als Sorgen bereite ich.

Mann, was fühl ich mich gerade willkommen.
Am besten schreibe ich gleich wahllos ein paar Agenturen an, auf ein paar weitere Jahre im Marketing- und Werbezirkus. Denn wo man die Seele verkauft, gibt’s wenigstens ordentlich Gehalt dafür!
Und das ist es doch, was gezählt wird.

At the end of the day

Silvesterlauf trotz Schmerzen im Fuß. Alles Grün trägt glitzernde kleine Eiskristalle, der Himmel ist strahlend blau und ich musste einfach da hinaus. Eine letzte Runde drehen. Die klare kalte Luft, die Sonne, die mir ins Gesicht scheint, bringen mich zum Lächeln. Immer breiter wird es, bis ich schließlich oben stehe, auf dem kleinen Hügel mitten auf dem Feld, und ganz breit grinse. Ich. Bin. Hier.
Und dann kullern ein paar Tränen. Tränen der Erleichterung, der Dankbarkeit, des Glücks. Einfach nur da zu sein.
Vor ein paar Monaten war das undenkbar für mich.

Eines weiß ich: Man sollte nicht sagen „schlimmer geht es nicht“ – denn man ahnt gar nicht, was noch alles passieren kann. Vor allem aber sollte man niemals denken „ich pack das nicht“. Denn in uns allen steckt sehr viel mehr Kraft, Resilienz und Anpassungsfähigkeit, als wir uns selbst zutrauen.

Mein Handy spielt die von Spotify bereit gestellte, persönliche Playlist aus den Liedern, die ich dieses Jahr am meisten gehört habe – und ich lache den Rest des Weges, während ich dieses Achterbahnjahr Revue passieren lasse.

In unbestimmter Reihenfolge:

Love like mine – Hayden Pannettiere
I might stay up drunk on wine, hurt like hell and ugly cryin‘ black mascara tears
I might lock my door, sleep with my phone, miss you bad for a month or so, but let me tell you something my dear:
I’m gonna be just fine but you’re never gonna find another love like mine

In your face! 😉

Im Ascheregen – Casper
Der Tanz im Ascheregen…schön schnell…oft gehört beim Laufen. Immer einen Schritt nach dem anderen setzen, das Alte hinter dir lassen.

Pocahontas – AnnenMayKantereit
Festhalten statt loslassen. Wissen, dass es sinnlos ist. Sachen abholen. Es tut mir leid, Pocahontas. Aber es ist besser so.

Alles im Leben hat seine Zeit – Peter Maffay
Einfach hören. Immer wieder.

Best fake smile – James Bay
Schöne Erinnerung an einen Roadtrip. Die Kraft, die Freundschaft einem schenken kann. Authentisch sein dürfen, auch wenn‘ dir scheiße geht. Und am Ende: Freundinnen, die es tatsächlich schaffen, einen zum Lachen zu bringen. Bis morgens um 7 auf der Tanzfläche, Team Schnapspraline!

Sieben – Subway to Sally
Magisch. Gibt Kraft.

Shake it out – Glee Version
It’s always darkest before the dawn. Jede noch so dunkle Nacht hat irgendwann ein Ende.

Alles widder dunn – Kasalla
Un et jit jarnix, överhauptnix, et jit nix wat ich bereu. Nä nä nä jarnix, överhauptnix – denn ich wor mer immer treu.

For good – from „Wicked“, by Kristin Chenoweth & Idina Menzel
Der Song, den ich gerne auf meiner Beerdigung gespielt haben würde.
I’ve heard it said that people come into our lives for a reason
Bringing something we must learn and we are led
To those who help us most to grow
If we let them
And we help them in return
Well, I don’t know if I believe that’s true
But I know I’m who I am today
Because I knew you…

Danke an alle, die mich unterstützt haben, in welche Form auch immer.
Das Lächeln ist für Euch! <3 silvester

Liebes 2016,

eines muss ich Dir lassen: Du bist verdammt konsequent! Anscheinend hast Du Dir zum Ziel gesetzt, mich in diesem Jahr so richtig auseinander zu nehmen und zu testen, wie viel ich ab kann – und das ziehst Du gnadenlos bis zum Jahresende durch.
Ist auch ziemlich naiv von mir gewesen, dass ich mich nach der Trennung, der Jobsuche, dem Umzug, dem Scheidungstermin, Todesfall in der Familie, dem Neuanfang hier fast schon sicher gefühlt hatte. Als sei ich angekommen in meiner neuen Wirklichkeit und dürfe jetzt wieder anfangen, Spaß am Leben zu haben und mich sogar am Ende noch mit der Liebe zu versöhnen. Nix da! hast Du gesagt und mich mit der Kündigung zum Montagmorgen zurück auf die Bretter befördert. Guter Punch!
Dann humple ich halt jetzt meine Weihnachtspost wegbringen (denn ne Sportverletzung hast Du mir auch noch beschert, wie aufmerksam von Dir!) und dann zum Arbeitsamt.
Fröhliche Weihnachten, Du Arschloch-Jahr!

Tante Augurri kommt zu Besuch

Draußen prasselt Novemberregen an die Rolladen. Ansonsten ist es leise.
Die Uhr zeigt 00.02, mein Handy ist auf Flugmodus gestellt. Noch ein bisschen Stille, so mache ich das jedes Jahr.
Kennt ihr das Gefühl, wenn man Geburtstag hat und einem selbst macht das nichts – ich finde Geburtstage ziemlich blöd und wünschte, es wäre ein Tag wie jeder andere – aber man hat das Gefühl, alle Menschen schauen einen anders an? Wie früher, wenn die Eltern Geschenke vor einem verstecken oder man in die Klasse kam und alle wussten Bescheid. Zum Glück gibt es heute keine Überraschungen.
Dieses Jahr ist vieles anders. Ich überlege, ob heute vielleicht ein guter Tag ist, um den Verlobungsring irgendwo vergraben zu gehen, den mir der Ex vor 4 Jahren an diesem Tag angesteckt hat. Damals schon war alles – inklusive der eine Woche vorher im Suff auf einer Party bei Freunden rausposaunten Überraschung – eine einzige Bühne für seine Ego-Show. Zum Glück muss ich dies nicht mehr erleben.

Dieses Jahr bin ich wieder alleine, aber nicht einsam. Ich habe das Gefühl, zum ersten Mal einen richtigen Erwachsenengeburtstag zu haben. An dem ich 36 werde. Ein Alter, in dem die meisten schon gar nicht mehr „Tick Tack“ denken, wenn du erzählst, dass du keine Kinder hast. Oder Single bist. Es ist der Geburtstag, an dem mich niemand mit Kaffee ans Bett und Geschenk weckt, ich ganz normal arbeiten gehe, ein bisschen Kuchen mitbringe und abends ein paar enge Menschen zum Essen in ein Lokal meiner Wahl einlade. Es wird Weinschorle geben, außer für meine schwangere Freundin. Es ist auch ein Geburtstag, an dem ich am Vormittag auf eine Beerdigung gehe. Eine Erwachsene, die einem Freund beisteht, weil das so wichtig ist und irgendwie, die Ironie: dass mein Ehrentag für ihn einer der schwärzesten Tage in seinem Leben wird.

Es ist 00.07 und noch immer prasselt Regen. Ich liebe Regen. Ich liebe auch den Herbst, wenn auch die düstere Jahreszeit mir immer Sorge bereitet. Ich fürchte dann immer, wieder abzudriften in eine depressive Phase, wie so oft in den letzen Jahren im Winter. Doch auch das ist in diesem Jahr anders. Ich bin entspannter, gelassener. Die Jahreszeiten kommen und gehen wie alles im Leben. Das erste Mal habe ich ein Gefühl dafür, dass das Leben fließt. Sich wehren hat keinen Zweck. Das nehmen, was es dir bietet und es formen. Aber niemals verharren oder gar versuchen, rückwärts zu kommen, denn das kostet dich deine ganze Kraft.
Weihnachten steht vor der Türe und auch das wird anders sein dieses Mal. Die letzten Jahre habe ich viel Zeit und Liebe in die Weihnachtszeit gesteckt. Die Wohnung wurde geschmückt, es gab einen Adventskalender, selbst gebastelte Karten und Kekse, sowie sehr viele Weihnachtsessen mit Freunden. Es war immer herrliche Zeit voller Kerzen und Lichter, Weihnachtsmusik, Polarexpress und Märchentheater. Voller Freude darüber, gemeinsam die kindliche Freude an der Weihnachtszeit wieder zu entdecken.

Es wird anders sein. Nüchterner, erwachsener. Es wird ein paar Glühweine geben mit Kollegen und Freunden. Es wird ein Weihnachtsessen geben, weil sich das so gehört. Pragmatisch. Es wird nicht das Highlight werden, auf das ich mich bisher jedes Jahr so sehr gefreut habe.

Stille Nacht.

Heute, am Ende eines harten Jahres, das mein Leben wie kein anderes geprägt hat, steht mein Geburtstag auch dafür: Dass mir jemand alles genommen hat. Und mich doch nicht kaputt bekommen hat.

Ich bin immer noch da.

Freundesieb

Es kommen Zeiten im Leben, da hält man kurz inne, meist nach einer besonders harten und anstrengenden Etappe und schaut sich um. Wer ist bis hier mitgegangen? Wer geht nach wie vor an deiner Seite?
Viele Menschen können das wohl bestätigen: In der Not zeigt sich, wer deine Freunde sind. Das habe ich damals gemerkt, als meine engsten Freunde – so dachte ich – auf einmal nichts mehr von sich hören ließen. Keine Karte, kein Anruf. Als sei ihnen etwas schlimmes widerfahren, nicht mir. Wer mit mir in der Kirche saß und mir beistand, als es hieß Abschied zu nehmen, waren teils alte Freunde, teilweise solche, deren Rückgrat und der Ausdruck ihrer Zuneigung und des Respekts mich sehr beeindruckt haben. Das sind wahre Freunde. Die, die in guten wie in schlechten Tagen dir zur Seite stehen.
Schwere Zeiten sind darum nicht nur ein Nährboden für persönliches Wachstum, sondern auch ein prima Sieb, um die falschen von den wahren Freunden zu trennen. Denn manchmal verschwimmt die Sicht, lässt man sich allzu gerne verführen von den Brotkrumen der Zuneigung, Versprechen, Perspektiven, die sich mit einer neuen Freundschaft eröffnen. Nicht immer ist man dabei auf einen echten Freund getroffen.

Es gibt Menschen, die sind nur so lange Freunde, wie sie es auf Entfernung sein können. Versprechen dir Zeit, die sie nie einlösen. Vergewissern dir, dass du ihnen wichtig bist, kommen aber nie vorbei, schlagen nie ein Treffen vor und bringen lahme Ausreden, weil du ihnen dann wohl doch gerade zu anstrengend bist in deinem Kummer. Ich habe diese Entschuldigungen so satt. „Sorry“ und Affen-Emojis sind leider kein Ersatz für geschenkte Zeit, die Gelegenheit für gute Gespräche und den Willen, mir bei meinem Neuanfang beizustehen. Dann eben nicht.

Wahre Freunde brauche ich gerade sehr und ich bin glücklich, diese zu haben. Solche, die mich trotz der eigenen Sorgen bei sämtlichen albernen Überlegungen, Plänen, neuen Hobbys und fixen Ideen bedingungslos unterstützen. Menschen, die mir sagen „ich hab dich lieb“ oder „ich glaub an dich“ und die zulassen, dass ich mich zur Zeit neu (er)finde. Da ist die Freundin, die mich immer wieder liebevoll erdet auch wenn ich zum hundertsten Mal dieselben Gedanken wälze. Die gleichzeitig mit mir träumt von einer besseren Zeit – obwohl sie gerade ihre eigene Existenz gründet und weiß Gott genug wichtigeres zu tun hätte. Oder die Freundin, die gerade schwanger und in einem völligen Umbruch im Leben ist, die sich aber immer wieder mit Freude die Zeit nimmt, mit mir zu lachen, mir Vorschläge zu machen für gemeinsame Unternehmungen, die mich deutlich spüren lässt und mir zu verstehen gibt „Ich möchte, dass du Teil meines Lebens bleibst“. Das Pärchen, übrig gebliebene Freunde aus dem Dunstkreis meines Ex‘, die sich so rührend gekümmert haben vom ersten Tag, die mich mitnehmen unter Leute und auch akzeptieren können, wenn ich mal in meinen Cocktail weine. Die Freundin aus Hamburg, die sich trotz kleiner Tochter und Vollzeitjob die Zeit nimmt für stundenlange Telefonate, die wie eine feste Umarmung gut tun. Oder auch der Freund, mit dem ich zwar nicht mehr die enge Verbindung habe wie früher, der aber in den langen Nächten des Jammerns und der Selbstzweifel nach der Trennung für mich da war, mich wieder beruhigen konnte wie kein anderer, der mir klar und deutlich gesagt hat „jetzt ist aber gut“ und auch „du bist gut“.

Ich bin dankbar für mein Freundesieb und glücklich, dass fantastische Menschen darin hängen bleiben, ohne die es schwer gewesen wäre, den Weg weiter zu gehen. Danke, dass es euch gibt. Für euch will ich wieder stark werden, wieder lachen wie früher, wieder ein Mensch sein mit dem man gerne Zeit verbringt und der euch Zeit schenkt und für euch da ist – an leuchtenden wie an den traurigen Tagen im Leben.

Höhle bauen

Ich bin in meinem Kinderzimmer, in meinem neuen Bett mit den passenden Regalen, die sich langsam mit neuen Gegenständen und Büchern füllen, die ich noch nicht gelesen habe, wie gute Vorsätze für diesen Lebensabschnitt. Die Tür ist abgeschlossen obwohl gar keiner da ist. An den Wänden der türkisblaue Streifen, den ich damals unbedingt gemalt haben wollte, um Fotos meiner Freunde dort aufzuhängen. Die Bilder sind lange weg und mit ihnen die Menschen, die mein Leben bestimmt haben. An ihre Stelle sind andere Menschen in mein Leben getreten, in den letzten Jahren mir ans Herz gewachsen – analog zur Entfernung voneinander wächst wohl der Raum, den jemand in deinem Herzen einnehmen kann.

In diesem Zimmer habe ich mit meinem ersten Freund geknutscht, hab versucht, Geister zu beschwören, oft gegrübelt und mit dem Leben gehadert, gelernt für Schule und Uni, geweint, sehr viel geweint. Vor fast acht Jahren wollte ich raus hier, weg von all den Erinnerungen, dem Anecken, mich lösen von den Bevormundungen und dem Betüdeln durch die Familie. Das alles war zu engmaschig, um mich darin selbst finden zu können. Weg in eine andere Stadt, einfach so und ganz alleine. Ich kann bis heute nicht verstehen, woher der Mut dafür kam.

Nun erklingt aus dem CD-Spieler meiner Anlage, die meine Eltern mir zum 16. Geburtstag schenkten, wieder Musik. Zuhause. Nur ein Ort war mir zwischen seitdem und heute ein echtes Zuhause und ich versuche, nicht mehr daran zu denken, weil ich jeden Kratzer im Holzfußboden kenne und vermisse und das Knarzen manchmal im Schlaf hören kann. Es war Freiheit, nach Jahren mein Lachen wiedergefunden, Wochenendgäste haben, Möbel in weiß und grau und blau, Strandhaus-Feeling, Eichhörnchen im Garten, mein Zuhause. Stattdessen bin ich wieder hier. Baue mir eine Höhle unter der Bettdecke und bin irgendwas zwischen erwachsen und kindlicher Unbeholfenheit. Ich genieße die Enge, das betüdelt werden, das tröstende Gefühl, dass es noch dort ist, mein trauriges Zimmer und Rettungsboot, mit all seinen Erinnerungsschätzen. Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.
Bin ich klüger geworden in den Jahren? Habe ich gefunden, wonach ich gesucht habe, also mich? Nein. Ja. Ich weiß es nicht. Fühle mich, als habe ich viel erlebt. Einmal gewonnen und dann alles verloren. Habe selbstbestimmt gelebt, Freundschaften geschlossen, Jobs gewechselt, Entscheidungen getroffen, in der Ferne Erwachsensein gespielt. Die große Liebe gefühlt, die noch größere Ernüchterung. Habe meinen tiefen Glauben verloren und dafür etwas vielleicht noch Wichtigeres gewonnen: Vertrauen in mich, erworben in sehr vielen dunklen Tagen, alleine mit meiner Trauer, Verzweiflung, Wut. Auf das Leben, auf ihn, auf mich. Was habe ich mir nur gedacht, warum habe ich mich täuschen lassen? Wie beim trinken – am Abend vorher es für eine gute Idee gehalten weil es sich gut anfühlte und dann am nächsten Tag denken „nie wieder“.
Aber an sich glauben ist schön. Das Wissen, dass man immer wieder aufstehen wird. Trauer bringt mich nicht um. Verletzt werden bringt mich nicht um. Die Hoffnung verlieren bringt mich nicht um. Am Ende ist das Leben nichts als eine Aneinanderreihung von Ereignissen, die alle nicht gut ausgehen werden. Aber es ist mein Leben. Ich kann es verbocken oder genießen, hinfallen und aufstehen. Immer und immer wieder. Bis ich nichts mehr habe als Erinnerungen und Narben und niemandem, der die Geschichten dazu hören möchte weil er selbst ausreichend davon hat.

Ich könnte, nein ich sollte, da wieder rausgehen und etwas Neues versuchen. Sollte „unter Leute“ gehen und endlich einen Plan davon entwickeln, was ich noch möchte vom Leben. Mehr Bücher. Andere Leute. Wieder lachen. Wieder verlieben? Gerade mal Halbzeit.
Aber noch nicht. Noch schließe ich mich hier ein. Die Musikanlage auf Repeat, genau wie mein Kopf. Mein Vertrauen in mich ist noch bröckelig und die Welt da draußen zermahlt dich in wenigen Tagen, wenn du zu früh rauskommst. Ich weiß das. Nein. Noch ein bisschen unter der Decke verstecken, bevor ich wieder jemand sein muss.

Staring at the ceiling in the dark
Same old empty feeling in your heart
‚Cause love comes slow, and it goes so fast

Well, you only need the light when it’s burning low
Only miss the sun when it starts to snow
Only know you love her when you let her go

Das Leichteste der Welt

Manchmal spricht einem ein Lied aus dem Herzen, als habe man es selbst geschrieben.

Hab gehört die Sonne scheint wieder für dich
Hab gehört du wirkst befreit und trägst wieder Lachen
Hab gehört ich bin für dich vorbei und abgehakt
Und dass das der beste Schritt deines Lebens war

Hab gesehen dein Herz hängt jetzt an jemand anderem
Ganz schön schnell dafür das du gesagt hast du brauchst erstmal Zeit
Auf den Fotos die man findet, da strahlt ihr vor Grinsen
Du siehst so widerlich glücklich aus

Und ich
Ich kann nicht schlafen, ohne irgendwas zu nehmen
Und du
Stehst längst mit beiden Beinen im neuen Leben
den Blick nach vorn gestellt
Als wär’s das Leichteste der Welt

Nach allem was man hört lebst du jetzt im Bilderbuch
Suchst ein Haus am See und Kindernamen – war doch unser Plan
Und ich häng hier auf Halbmast, krieg den Kopf nicht ausm Sand
Bin kilometerweit entfernt von Abstand

Und ich
Ich kann nicht schlafen, ohne irgendwas zu nehmen
Und du
Stehst längst mit beiden Beinen im neuen Leben
den Blick nach vorn gestellt
Als wär’s das Leichteste der Welt

Doch was mich am allermeisten bricht
Ist zu sehn wie glücklich du jetzt bist
Und die bittere Erkenntnis, das man bei Null ist, das da nichts ist
Und jeder Tag und jedes Jahr umsonst war
Sinnlos war, so sinnlos war

Vielleicht kann ich irgendwann wieder schlafen, ohne irgendwas zu nehmen
Vielleicht gibt’s irgendwo da draußen für mich ein neues Leben
Aber sich das vorzustellen
Ist grad das Schwerste dieser Welt

(lyrics by Silbermond)