Blumen im Juni

Früher, als ich klein war, habe ich an diesem Tag morgens immer im Garten Blumen gepflückt und den Frühstückstisch für Dich gedeckt. Es ist die beste Zeit, um Geburtstag zu haben. Dein Fliederbaum blüht – ebenso alles andere im Garten.

Heute bleibt nur, mich daran zu erinnern und mir zu wünschen, ich könnte nochmal klein sein. Dann würde ich Dir einen furchtbaren Kuchen backen in dieser Herzchen-Porzellanform, eine Karte malen mit einem Haus und einer Sonne und Blumen und einem Pferd, auf das bis zu fünf Leute passen und dann darauf warten, dass Du wach wirst und ich Dir zum Geburtstag gratulieren kann…

Urlaub in St. Peter Ording. (wahrscheinlich 1999)

Lachanfälle. St. Peter Ording, 1999

„Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.“ (Dietrich Bonhoeffer)

 

Verlierende Gesichter

Wer mich kennt und danach gefragt würde, welche Eigenschaft mich am ehesten beschreibt, der würde wahrscheinlich sagen: Emotionalität. Im guten wie im schlechten Sinne, privat wie beruflich – ich bin immer ganz ich und damit völlig abhängig von den Gefühlen, die mich gerade leiten. Ich bin kein Kopfmensch, kein Rechner und Kalkulierer, schon gar nicht be-rechnend.

Bei mir ist alles Bauchgefühl und in Sachen Emotionen macht mir so schnell keiner was vor. Ich bin ein Skorpion und als solcher lote ich sie alle aus, jedes Extrem von irre-glücklich bis tiefste Verzweiflung. Ich umarme sie alle und koste sie aus, wie sie kommen und würde fast behaupten, die meisten von ihnen inzwischen so gut zu erkennen wie alte Freunde. Ich kann nicht besonders viel gut, aber in Gefühlssachen, da bin ich Expertin.

Für mich ist ein Freund derjenige, vor dem ich sein kann, wie ich bin. Vor dem ich das Gesicht verlieren kann und den nicht schockiert, was sich dahinter verbirgt. Der mich schon immer (er)kannte und bei dem meine Emotionen ganz natürlich kommen und gehen dürfen, ohne dass er oder sie dies kommentiert.

Solche Freunde sind fast immer die, die sich ebenfalls trauen, sich zu öffnen. Emotionen zulassen und sie dann auch noch zu teilen – das ist eine Kunst. Fast jeder Mensch fürchtet sich davor, das Gesicht zu verlieren. Zu weinen. Einem anderen Menschen die verwundbare Stelle zu offenbaren, an der das Lindenblatt zwischen den Schultern gelegen hat. Ich liebe diesen Moment, wenn sich jemand mir zum ersten Mal in einer Bekanntschaft offenbart. Wenn jemand, dem ich mein Vertrauen schenke, dies auch mir zurück schenkt, sein Innerstes offen legt, mir ein Geheimnis erzählt oder einfach weint. Wenn er heraus lassen kann, was er verborgen gehalten hat. Ich finde diesen Moment so besonders, in dem sich der Mensch komplett ausliefert, mir gegenüber nichts mehr zurück behält. Jemand lässt in diesem Moment alles fallen, alle Scheu, alle Masken, alles Theater und lässt mich kurz hinter den Vorhang schauen. Einen intimeren Moment gibt es nicht. Traurigkeit ist intimer als alles andere.

Das andere, was mich an diesen Momenten so bewegt: Um sein wahres Gesicht in all seiner Schönheit zu zeigen, braucht es Vertrauen. Wer mit Dir weint, schenkt Dir einen Einblick in sein tiefstes, verletzliches Inneres und teilt eine Bürde, die er alleine nicht mehr tragen kann oder möchte. Vertrauen ist das Fundament, auf dem zwei wirkliche Freunde eine Festung bauen werden, die so schnell nichts erschüttern kann. In der beide sicher sind, ihre Wunden zu versorgen und gemeinsam neue Pläne für das „Danach“ zu schmieden.

Wenn. Vielleicht.

Vielleicht wäre heute alles anders, hätte es das Damals nicht gegeben. Wenn es damals anders geendet hätte, vielleicht wäre dann heute anders, als es ist. Wenn vielleicht andere Entscheidungen gefallen wären, hätten alle darauf folgenden in ganz andere Richtungen geführt. Vielleicht hätte damals gar kein Ende gefunden. Wenn ich nie weg gezogen wäre, vielleicht hätte ich dann nicht ständig dieses Heimweh. Wenn ich nie woanders eine Heimat gefunden hätte, vielleicht wäre ich dann heute nicht der Mensch der ich bin. Der über die vielen Wenns und Vielleichts nachdenkt und sich fragt, wer hier eigentlich die Karten legt und darüber befindet, welche Wege sich trennen und welche wieder zusammenlaufen sollen. Wenn der Kartenleger ein Drehbuchautor einer amerikanischen Fernsehserie wäre, vielleicht wäre es dann ganz einfach. Da entscheiden sich immer alle. Ein Vielleicht lässt vieles offen – vor allem Türen – entscheidet sich aber niemals für einen Weg. Gedanken machen darüber, doch nie laufen. Oder fliegen. Wie lange kann man auf einem Fleck verharren und zurück blicken, bis der Kartenleger sich entscheidet, Dir einen Stoß zu verpassen? Wenn ich zu lange warte, vielleicht schließen sich ja Türen endlich von alleine und nehmen mir die Wahl.

Wenn damals nicht gewesen wäre, wäre mein Herz leerer…

Vielleicht aber auch leichter.

Wie viele Tränen passen in einen Kanal?

Leben wir noch mal? Warum wacht man auf?

Was heilt die Zeit?

Ich bin Dein Siebter Sinn,

Dein doppelter Boden, Dein zweites Gesicht.

Wintermädchen

Frühling lässt sein blaues Band…blablabla. Ja, leider: Er ist’s!

Frühling kann man das allerdings nicht nennen, was da draußen gerade abgeht: Mir kommt es vor, als hätte jemand die Heizung von „tiefster Winter“ auf „Hochsommer“ umgestellt – und das quasi über Nacht. Vorletztes Wochenende war ich noch mit den Romberg Mädels, eingepackt in Stiefel, Handschuhe und mit einem Heißgetränk bewaffnet, zu einem vorsichtigen ersten Frühjahrs-Sondierungs-Spaziergang im Planten un Blomen…und heute? Heute liegen da die ersten unsäglichen Hamburger mit Sonnenbrand auf der Wiese herum. In der Mittagspause kann man kaum noch irgendwo hintreten. Wie Eidechsen kommen die Hamburger bei Sonne aus ihren Löchern und flanieren sinnlos herum. So wie sie sonst immer und überall einen Regenschirm her zu zaubern vermögen, haben sie anscheinend auch immer Sandalen und Sonnenbrille an Bord – anders kann ich mir diese rasante Adaption nicht erklären. Ich hingegen versuche verzweifelt, in meiner Übergangsjacke nicht zu schwitzen, während ich den wild gewordenen Sonnenanbetern ausweiche. Wo ist der Frühling geblieben? Die Blüten, der Duft, die langsam erwachende Natur?

Jetzt ist meine Zeit gekommen, mich übers Wetter zu beschweren. Alle beschweren sich von September bis April, dass es grau ist, regnet und ihnen kalt ist. Hat man von mir auf twitter Beschwerden übers Wetter gelesen? Nein, ich glaube nicht. Warum? Weil ich ein Wintermädchen bin…oder zumindest ein Herbstmädchen. Ich mag es, mich zuhause in lange Pullis und dicke Muckelsocken zu hüllen. Mag den Regen, der die Straßen leer fegt, den ersten Schnee, der die Welt weiß verzaubert und alle Geräusche dämpft. Ich mag es, im Winter die einzige im Büro zu sein, die nicht friert.

Heute bin ich die einzige, die friert, weil alle die Fenster aufreißen wie die Bekloppten, obwohl es hier gar nicht warm ist. Das Gebäude liegt doch im Schatten und hier zieht es, verdammt! Aber draußen scheint ja die Sonne. Wahnsinn. Total supi. Einfach zum Ausrasten. Man möchte sich die Klamotten vom Leib reißen und die winterweißen Beine präsentieren oder – noch besser – sie in bunte Leggings stecken und die Winterpölsterchen so richtig zu Schau stellen! Überall nackte Menschenfüße ohne Maniküre – vor lauter Sommereinbruch war dazu keine Zeit mehr. Mein schönes Geheimtipp-Café mit dem guten Kaffee, wo man nie einen Kollegen traf? Vollkommen überfüllt, weil man da ja jetzt draußen sitzen kann. Ausrasten. Stundenlang in der Sonne hocken und sich dann total freuen, dass man den ersten Sonnenbrand des Jahres hat. Das ist der „Harlem Shake“ des Hamburgers diesen April.

Nein, ich komme nicht mit an die Alster. Ich werde mir mein Mittagessen auf dem Weg zur Arbeit organisieren, damit ich in der Pause nicht Spießruten laufen muss durch die Menschenmenge. Ich werde erst dann wieder ins Freie gehen, wenn der Regen kommt. Regen, der den warmen Boden dampfen lässt. Am besten ein kleines Gewitter. Sintflutbäche, die die Menschen wieder in ihre Löcher zurück spülen. Alles wird dann wieder nach Natur riechen, nach feuchter Erde anstatt nach Mofa-Auspuff und Iced Moccas und dann, hoffentlich, dann kommt auch endlich der Frühling, den ich so vermisse.

 

Heilende Träume

Ich erinnere mich, schon einmal über besondere Träume geschrieben zu haben. Diese Woche habe ich wieder erlebt, wie mein Unterbewusstsein reagiert und sich selbst einen großen Gefallen tut, indem es heilende Erinnerungen herauskramt.

Nach einer furchtbaren Woche auf der Arbeit, in der ich fast jeden Abend zuhause geheult habe, kaum eine Nacht schlafen konnte und vor Erschöpfung nur noch Löcher an die Decke starren konnte – ich glaube, man nennt das auch „innere Kündigung vorbereiten“ – konnte ich mich nicht einmal auf das Wochenende freuen. Ich stecke momentan so tief in verschiedenen Arbeitsprozessen, dazu war noch eine Kollegin krank, ein neuer Mitarbeiter wartete ratlos auf meine Anweisungen…es war einfach zu viel und die Belastung ließ mich auch am Freitagabend nicht los. Zu dem gab es noch Kritik „von oben“, dass ich mit der Situation nicht ausreichend gelassen umginge. Kennt ihr das, wenn man Auseinandersetzungen hat, wo die Worte noch tagelang nachhallen? So ging es mir und so war ich am Freitag nicht in der Lage, irgendwas zu tun oder sagen. Mein Schatz schaute fernsehen, ich schaute meine Löcher an die Decke und zwischendurch heulte ich immer wieder.

In der Nacht hatte ich dann den allerschönsten Traum, den man haben kann: Ich war wieder Kind. Mein Bruder war noch klein, meine Mutter zeigte keinerlei Anzeichen ihrer späteren Krebserkrankung, ich hatte noch meine Kindheit. Das weiß ich, weil ich einen Stapel Bücher dabei hatte. Zu der Zeit, als ich noch 10 Bücher die Woche aus dem „Bücherbus“ holte, da war die Welt für mich noch in Ordnung. Wir fuhren mit meiner Mama auf eine Art Campingplatz, unsere Ferienwohnung dort war ein riesiges Zelt. Nicht besonders komfortabel oder schön, aber mit ein paar Klappstühlen im Grünen und ich hatte ja meine Bücher. Und das Beste: Das Zelt stand auch noch in Nordseenähe!

Als ich aufwachte, musste ich zwar wieder heulen, weil die Erinnerung  an meine Mama auf einmal wieder so frisch war…dennoch fühlte ich mich nicht mehr so erschöpft. Es war, als hätte mein Unterbewusstsein einen Riegel vorgeschoben:Ich konnte schlafen, habe mich erholt und statt von Arbeit, Kollegen und bösen Worten  einfach von meiner Kindheit geträumt, wo alles noch sicher war und meine Mutter das impersonifizierte Glück darstellte.

Ich glaube, diese Selbstheilung ist etwas, das mir in die Wiege gelegt wurde. Manche Menschen haben das vielleicht nicht und drehen irgendwann durch. Auch wenn ich diese Woche von verschiedenen Personen in meinem Umfeld den Satz gehört habe „Pass mal auf, dass Du kein Burnout bekommst“ – ich glaube nicht, dass mir das passieren würde. Ich kann weinen, ich kann laut schreien (ja, lieber Chef: Aggressivität ist nicht gerade bester Führungsstil, aber es ist ein Ventil!) und wenn es hart auf hart kommt, schnappe ich mir eben im Traum meine Bücher und meine Kuscheltiere oder setze mich mit meiner Mama auf Umzugskartons und rede.

Meine Träume beruhigen mich und machen mich wieder stark, durchzuhalten. Eine Woche noch, dann habe ich Urlaub und fahre in die Heimat – endlich. Heute Nacht habe ich übrigens eine neue Hunderasse kennengelernt und den gesamten Traum lang nur Pferde gestreichelt und mit freundlichen Hunden gespielt. 😉

7 Wochen ohne- in 2013

In diesem Jahr versuche ich mich wieder an einer Fastenzeit-Aktion. Vom 13. Februar (also Aschermittwoch) bis zum 31. März läuft die Aktion der evangelischen Kirchen, „7 Wochen ohne“. Für mich in diesem Jahr der Anlass, noch einmal den Versuch zu unternehmen, mich ganz vegan zu ernähren. Fasten bei uns muss zwar nicht zwangsläufig heißen, dass man auf Essen verzichtet. Man könnte z.B. auch 7 Wochen aufs Fernsehen verzichten, auf facebook oder aufs Autofahren. Der Sinn dahinter ist, auf etwas zu verzichten, was man sonst alltäglich hat, sich bewusst zu machen, wie sich Verzicht anfühlt und wie man dieses „Fehlen“ auch anders füllen kann.

Für mich ist dieser abgesteckte Zeitraum einfach wie ein Testballon, eine Wette mit mir selbst. Die Fastenzeit einzuhalten ist für mich wichtig, darum werde ich diese Wochen durchhalten und kann beobachten, welche Wirkung das auf mich und meinen Körper haben wird.

Warum Veganer werden? Nun, ich bin nun in meinem zwanzigsten Jahr Vegetarier, esse aber immer noch Milchprodukte, Eier und hin und wieder Fisch – und halte es selbst für unsinnig. Alles, was an tierischen Produkten in riesigen Mengen produziert wird, damit wir Menschen es immer und jederzeit konsumieren können, verursacht Tierleid. Ja, die Kuh muss nicht gleich sterben, aber gut hat sie es ganz bestimmt nicht (außerdem ist die Milch für ihre Babys da), ebenso wenig die Batteriehennen, die unsere Ostereier legen. Ich muss auch nicht zu PETA verlinken (tue es aber trotzdem 😉 ) , um das zu belegen – ich kann mir die Videos dort nicht einmal anschauen…also warum sollte ich diese Produkte dann eigentlich noch kaufen und damit die Massentierhaltung unterstützen? Warum esse ich denn immer noch Milchprodukte? Ich glaube, es ist einfach nur bequemer, billiger und man muss nicht bei der Familie diskutieren, warum man auf einmal etwas nicht mehr mag. Letzteres wird wohl das größte Problem sein. Meinem Papa zu erklären, dass ich bisher seinen vorzüglichen Kartoffelsalat (mit Ei! und natürlich mit Mayo!) nicht mehr essen mag – das wird schwer. Am schlimmsten wird aber der Verzicht auf eine leckere Pizza, wenn man mal abends keine Lust hat, selbst zu kochen und auf Joghurt – denn wie ich aus meinem letzten Versuch, vegan zu essen noch weiß: Sojajoghurts schmecken sch…

Noch am Aschermittwoch habe den Anfang gemacht und einige Milchersatz-Produkte eingekauft. Mal sehen, was die so können. Außerdem Brotaufstriche (kein Käääääse mehr, oh weia!) und natürlich viel Gemüse. Auf Fleischersatz stehe ich nicht so – ich habe seit 20 Jahren keine Würstchen gegessen, warum sollte ich unbedingt etwas in Wurstform essen wollen? Dazu noch ein Kochbuch mit veganen Rezepten – vor allem geht es mir hier darum, wie man z.B. einen Ersatz für Mayo oder einen Ei-Ersatz beim Backen hin bekommt.

Werden wir dann mal sehen, wie es läuft und was sich verändert. Und wer noch ein paar Argumente braucht, der lese mal „Tiere essen“ von Jonathan Safran Foer – wer dann noch guten Gewissens in ein Schinkenbrot beißen kann, der ist eh nicht mehr zu retten! Wie sagte schon Sir Paul McCartney so schön: „“Wenn Schlachthöfe Glaswände hätten, dann wären wir alle Vegetarier.“

Ruhe und Sturm

Manchmal ist es so im Leben, dass man sich wochen- sogar monatelang in Sicherheit wähnt. Es passiert nichts schlimmes, nein, es läuft sogar für eine passionierte Pessimistin alles wirklich…“gut“. Zu gut.
Auf die Frage, wie es mir gehe, habe ich in den letzten Wochen meinen Freunden geantwortet mit“ganz gut“, mitunter sogar „alles gut“ gesagt und mich dabei selbst ertappt: Alles gut? Bei MIR? Der Erfinderin des Weltschmerzes und des Haare-in-der-Suppe-Imaginierens?
Es lief alles ausgesprochen gut, so dass ich irgendwann anfing, mir Sorgen zu machen, natürlich, denn das kann ich bekanntermaßen besonders gut.
Nach der Ruhe, so sagt man, kommt der Sturm.

Ich weiß nicht, ob diese Sorge einen irgendwann in paranoide Zustände treibt, aber zum Glück hat das Warten, diese Angst vor am Aufschlag nun ein Ende. Der Sturm ist da. Sogar sprichwörtlich. Die Ostküste der USA wurde von „Sandy“ heimgesucht. Was das bedeuten mag für die Zukunft, die anstehenden Wahlen? Vielleicht wird mein Schatz in zwei Wochen nicht zur Schulung dort hin fliegen können, wie es geplant war.
Welche Folgen hat dies oder jenes…der Flügelschlag des Schmetterlings, das Auge des Wirbelsturms…
Nach all den Wochen, in denen ich mir immer wieder dachte „es läuft alles zu glatt, es geht uns zu gut“ nun die Ernüchterung: Letzte Woche betriebsbedingte Kündigungen, die ein paar Menschen unerwartet trafen, die mir ans Herz gewachsen sind. Zeitgleich mit der Wut auf die Menschen, die dafür verantwortlich sind: meine Beförderung.
Die Nachricht, dass die Ärzte immer noch nicht wissen, was meiner Oma fehlt und sie deswegen morgen ins Krankenhaus muss. Nächsten Monat will sie ihren 80. Geburtstag feiern.
Gestern die furchtbare Gewissheit, dass die junge Frau aus dem Heimatort meiner Freundin, die seit Monaten vermisst wurde, tot ist, wahrscheinlich ermordet. Das Baby, das meiner Freundin vor neun Wochen geboren wurde und sich nun über die Tränen seiner Mutter wundert.
Die Oma meines Freundes, die heute einfach so hin fällt und nun mit gebrochenem Oberschenkelhals im Krankenhaus liegt, während er am Donnerstag seinen neuen Job antreten wird.
Der Flügelschlag, der Stein der ins Wasser fällt, irgendwann kommen die Kreise bei uns an.
Warum immer alle zugleich? Warum berühren sich die Kreise? Warum kann meine Freundin mich ablenken und aufheitern – oder ich sie – aber man selbst kann sich nicht selbst aus trüben Gedanken reißen?
Die Antwort fand ich heute Abend bei einer Tasse Yogi Tee. Wenn man mich fragt, woran ich glaube, dann antworte ich immer das: „Nichts im Leben passiert ohne einen Grund.“
Denn alles im Leben ist auf göttliche Weise miteinander verbunden.

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Morgenstund

„Die Frühschicht schweigt, jeder bleibt für sich.“ (Peter Fox)

Irgendwie hat es einen besonderen Zauber, wenn man der Welt beim Aufwachen zuschaut. Wenn wir früher morgens zu Fuß die unfassbare Strecke zwischen Club und Heimatdorf übers Feld gelaufen sind. Wenn man irgendwo hin fährt und morgens um fünf in ein Taxi steigt und dann mit der Bahn vorbei an erwachenden Orten. Wenn man eine Nacht irgendwo anders als im eigenen Bett verbracht hat und früh abhaut. Oder wie heute, wo ich nicht schlafen kann, es aufgebe und beschließe, die Erste im Büro zu sein.

Morgens, wenn Deine Stadt erwacht, wenn die Straßenlaternen erlöschen, hat sie einen besonderen Zauber. Aus den Backstuben duftet es, das nasse Laub mischt sich mit diesem Geruch – die ganze Luft noch kühl und frisch weil noch kaum ein Auto unterwegs ist.
In Gedanken eher noch dort, wo Du im Traum unterwegs warst. Oder aber bei dem, was Dich die Nacht über wach gehalten hat.
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Sogar Menschen sind um diese Zeit erträglicher, entladen blinkende Lieferwagen, brühen Kaffee, verstecken sich hinter der Morgenpost. Nur noch nicht reden, nicht kommunizieren müssen. Morgenstund‘ hat vor allem Stille im Mund.
Dennoch wird aus mir leider nie ein Frühaufsteher werden, dafür liebe ich die Nacht zu sehr.

Und während ich durch die Straßen laufe wird langsam schwarz zu blau (Peter Fox)

Holunderblüten

Ich habe den Abend zuhause verbracht. Nicht im Park, nicht beim Grillen oder im Garten, die restlichen Sonnenstrahlen genießen. Ich wollte alleine sein, ein Glas Sekt trinken auf mich selbst, weil ich die letzten Tage überstanden habe im Job, die so ziemlich die härtesten waren bisher in meiner Laufbahn. Sekt mit Holunder, diesen Sommer gibt es das komischerweise überall.
Ich liebe Holunder. Den Duft der Blütendolden, die Süße…das weckt Erinnerungen an früher, als Mama und ich im Hochsommer mit dem Fahrrad durch die Felder fuhren. Der blaue Korb war dabei, mit dem blau-weiß gestreiften Futter. Der Nachbarshund. An den Wegesrändern überall: Holunder. Wir pflückten stundenlang. Naja: Mama pflückte, ich spielte mit dem Hund. Früher war ich genervt, dass es bei uns statt wie in anderen Familien nicht Limonade aus dem Laden gab, sondern selbstgemachten Holundersirup, aufgegossen mit Mineralwasser. Sommer für Sommer…
In meiner Kindheit schien immer die Sonne im Sommer. Auch vor 12 Jahren war es warm. Der 3. August, an dem Mama von uns ging, war ein stiller, schöner Sommertag.

Ich habe heute Nacht von ihr geträumt, endlich einmal wieder. Jedes der seltenen Male, die sie mich im Traum besucht, ist anders. Manchmal reden wir einfach stundenlang, manchmal lachen oder weinen wir, aber immer ist es genau so, wie es eben war mit ihr – es hält meine Erinnerungen wach und so intensiv, dass die Farbe ihrer leuchtenden Augen, der Klang ihres Lachens, die Wärme ihrer Umarmung lebendig bleibt. In diesem Traum dieses Mal hatte sie jedoch Krebs, zum zweiten Mal. Wir waren in einem Krankenhaus, die Diagnose noch ganz frisch, meine Mama voller Kraft und Optimismus.
Zwölf Jahre sind vergangen und plötzlich sind alle Gefühle zugleich wieder da: Die Angst vor der Krankheit, die über allem schwebt. Sich in jedes Lachen frisst, jeden herrlichen Moment mit einem Drängen überzieht, man muss ihn genießen, los, jetzt, es könnte doch das letzte Mal sein. Auch die leise Hoffnung, die man hat, irgendwo ganz hinten, dass es dieses Mal gut geht, dass diese Runde an uns geht, dass alles doch noch gut werden kann. Und dann diese unglaubliche Wärme, dieses dankbare, vollkommene Glücksgefühl, dass sie gerade jetzt da ist. Krank ja, todkrank vielleicht – wer weiß – aber einfach DA. Verharren möchte man, in dieser Dankbarkeit, für immer.

Ich erhebe mein Glas auf Dich, Mama. Wie gerne würde ich mit Dir den Sommer genießen, mit Dir über das Leben reden und Holundersekt trinken.
Ich hoffe, dass es dort wo Du jetzt bist, viele schöne Wege und blühende Sträucher gibt. Vielleicht gehen Deine Lieben dort mit Dir spazieren. Eines Tages werden wir auch wieder zusammen Holunder pflücken und einkochen und ich hoffe, dann erklärst Du mir das Geheimnis, warum der Holundersirup nach Deinem Rezept nie wieder so gut schmecken wird wie damals, in unseren Sommertagen.

Zum 56. Geburtstag

Der Tod ist nichts,
ich bin nur in das Zimmer nebenan gegangen.
Ich bin ich, ihr seid ihr.
Das, was ich für euch war, bin ich immer noch.

6.6.1956


Gebt mir den Namen, den ihr mir immer gegeben habt.
Sprecht mit mir, wie ihr es immer getan habt.
Gebraucht keine andere Redeweise,
seid nicht feierlich oder traurig.
Lacht weiterhin über das,
worüber wir gemeinsam gelacht haben.
Betet, lacht, denkt an mich,
betet für mich,
damit mein Name ausgesprochen wird,
so wie es immer war,
ohne irgendeine besondere Betonung,
ohne die Spur eines Schattens.

In liebender Erinnerung

Das Leben bedeutet das, was es immer war.
Der Faden ist nicht durchschnitten.
Weshalb soll ich nicht mehr in euren Gedanken sein,
nur weil ich nicht mehr in eurem Blickfeld bin?
Ich bin nicht weit weg,
nur auf der anderen Seite des Weges.

(Henry Scott Holland)