#notjustsad

Hervorgehoben

„Manchmal sagst du, dass nichts ist. Aber eigentlich ist zu viel los. #notjustsad“

Nur einer von vielen Sätzen, die Menschen unter dem Schlagwort #notjustsad in den letzten Tagen geschrieben haben und die mir direkt aus der Seele sprechen. Viele davon heute, zum Weltgesundheitstag unter dem Motto „Depression – Lasst uns darüber sprechen“.

Betroffene, Angehörige von Betroffenen, das wird immer gefordert, sollen sich mehr Gehör verschaffen – aber genau hier liegt doch das Problem. Wer krank ist, macht sich nicht auf die Art und Weise bemerkbar, die von anderen verstanden wird. Tut er es, wird es oft herunter gespielt, missverstanden: wer nicht reden will, dem ist halt nicht zu helfen, nicht wahr?
So viele Worte, in denen ich mich wieder finde. So sehr ähneln sich die Empfindungen, das Leiden, das nicht-aus-seiner-Haut-können, dass es zum aus-der-Haut-fahren ist. Trotzdem wird das Verständnis für depressive Störungen nicht besser. Weil Depressionen nicht „passen“ ins angepasste Leben, nicht in eine Gesellschaft, die falschen Positivismus, Selbstoptimierung und -darstellung in sozialen Netzwerken kultiviert hat.
Traurige Säcke passen halt nicht in ein Leben, das bitteschön aussehen soll wie ein gechillter Becks-Werbespot.

Es ging mir lange gut. Nein…es geht mir oft gut. Manchmal aber eben nicht. Es ist besser geworden in den letzten Jahren, dank Therapie, Gesprächen und Lebenserfahrung und dem Schreiben. Aber es kein Schnupfen, der irgendwann ausgeheilt ist, das vergisst man so leicht. Ich habe zur Zeit keine Arbeit, bin den ganzen Tag zuhause. Was völlig okay wäre, alles unter Kontrolle, Bewerbungen laufen, demnächst Weiterbildung, alles wird gut und so. Wenn ich arbeiten gehen müsste, würde ich aus dem Fenster starren und mir freie Zeit wünschen. Aber ich kann es nicht genießen. Am Anfang war es noch Urlaub, auf Dauer zieht es mich extrem runter. Langeweile, sich nutzlos fühlen, gepaart mit Existenzsorgen im Nacken. Keine gute Mischung.

„Den ganzen Tag beschäftigt sein und sich doch unterfordert fühlen. #notjustsad“

Ich schlage nur Zeit tot und liege anderen auf der Tasche – ekelhaft, wie überflüssig man sich fühlen kann. Ich habe diese Woche zur Beschäftigung eine Serie geschaut, #13ReasonsWhy. Eine Serie, in der ein Mädchen kurz vor ihrem Suizid 13 Kassetten aufnimmt, eine für jede Person und jedes Ereignis, das letztlich zu ihrem Entschluss geführt hat, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Auch das: Keine besonders kluge Wahl, es hängt mir noch lange nach. Weniger als die Ereignisse selbst – dramaturgisch natürlich so gewählt, dass auch der dümmste Fernsehzuschauer kapiert: „Dieses Mädchen hatte es schlimm!“ – bedrückt mich die Grundstimmung. Und die ist genau das, was viele Betroffene nachempfinden können, wenn ich so die Stimmen zur Serie nachlese: Das Mädchen ist hübsch, eine Poetin, gar nicht mal unbeliebt, verliebt, hat liebe Eltern und intelligenten Witz. Nach außen hin ein ganz normales Mädel. Niemand rechnet mit ihrer Entscheidung. Natürlich nicht. Weil das, was man von außen wahrnimmt, rein gar nichts über eine Seele verrät.

„Was man nicht kennt, erkennt man nicht. #notjustsad“

„Es war nicht genug“, sagt sie in der letzten Folge. Es ist genau das, nicht die dargestellten Erlebnisse, was einem ans Herz geht. Das ist es doch, das Grundgefühl: Ich weiß, es sollte mir besser gehen. Ich habe einen funktionierenden Körper. Menschen, die sagen, dass es sie kümmert. Aber es ist einfach nicht genug! Man fühlt es nicht genug. Man selbst ist nicht genug.
Zum Glück entscheiden unzählige Betroffene für das Leben – jeden Tag aufs neue. Oder lassen es eben geschehen, dass immer wieder ein neuer Tag anbricht.

„“Diese scheiss Zeitumstellung. Fällt dir das Aufstehen jetzt auch so schwer?“ Jedes Mal Aufstehen fällt mir schwer. #notjustsad“

„Warum bist Du denn traurig?“
Weiß ich selber nicht. Wegen allem und gleichzeitig aber wegen nichts, woran man es so festmachen könnte, dass du es begreifen kannst.
„Am Wochenende soll das Wetter wieder schöner werden!“
Das kann schon sein. Macht aber keinen Unterschied.
„Hast Du dein Vitamin D genommen?“
Not going to dignify that with a response.
„Mach doch was schönes mit Freunden?“
Freunde. Gerade habe ich das Gefühl, ich habe niemanden. Ich versuche es, denke ich jedenfalls. Melde mich bei Personen, die ich als Freunde bezeichne. Sie haben andere Dinge zu tun, wichtige Dinge, sie haben Jobs und Kinder und Verabredungen. Wenn wir uns treffen, kann ich nicht mitreden, bin einfach nicht mehr Teil dieser Welt. Und ich möchte nicht die sein, die klammert. Schaut Euch meine Chatverläufe an bei WhatsApp, wie oft ich Leute antippe, nach Treffen frage, mich erkundige, wie es denn so geht, versuche, mit ihren Pläne zu schmieden oder einfach nur den Kontakt zu erhalten um das Gefühl zu haben, dass da noch wer ist.

„Depression ist auch, sich tagtäglich aufs neue schuldig zu fühlen, weil man eine Last für die seinen ist. #notjustsad“

„Willst Du darüber reden?“
JA! Nein.

„Mein Tagebuch ist der einzige Ort, an dem ich allen Gedanken & Gefühlen freien Lauf lassen kann #notjustsad“

Öffnet eure Ohren, falls ihr jemanden kennt, der nicht einfach nur traurig ist. Öffnet die Herzen und breitet die Arme weit aus und dann sagt einfach mal…nichts. Keine Worte können diese Leere füllen. Nur da sein. Das Gefühl geben, dass es eben nicht egal ist. Dass er oder sie einen Platz in eurem Leben hat. Verlangt auch keine Worte, denn es gibt keine Erklärung für das Gefühl, eine Last zu sein, für die Unerträglichkeit des Lebens, für Einsamkeit, die tief aus dem Inneren kommt.

„Wenn ich nur wüsste, wo ich mich verloren habe… #notjustsad“

Allen, die selbst diese Momente haben – bleibt stark. Für jede Momente, in denen sich die Wolken verziehen, in denen wir etwas spüren, in denen wir Freude haben und Stunden mit Menschen in unserem Leben, für die wir dankbar sind. Es macht sehr wohl einen Unterschied. Ihr macht einen Unterschied.

We’re #notjustsad
We #wontgiveup
#wematter
#fuckdepression.

Sanduhrsand

Warum wiegt Traurigkeit so viel mehr als Freude. Ist es, weil wir sie alleine tragen? In seiner Traurigkeit ist ein Mensch alleine, jeder muss sie für sich bewältigen, muss einen Weg entdecken, damit weiter zu existieren, einen Weg, den niemand sonst einem weisen kann. Sind konditioniert, Freude zu teilen, doch nicht Trauer. Wir erzählen gern Witze, wer lustige Dinge zum Besten gibt ist ein Spaßvogel, ist der mit den meisten Freunden, viel lachen und der Mittelpunkt jeder Feier möchten wir sein, Jemand mit Ausstrahlung, mit dem man sich gerne umgibt, von dem die Leute sagen der ja, der – das ist vielleicht Einer! Fröhlichkeit. Sie steckt an und verbindet Menschen miteinander. In der Trauer. Jeder für sich. Wie geht es dir? Nicht gut, traurig. Kein Partykracher. Traurig sein weckt Mit-Leid. Wer möchte schon gerne leiden. Wer möchte Trauer bewältigen, wenn er stattdessen Witze hören kann. So bleibt ein jedes für sich. Der Trauernde spürt Erinnerungen nach, die wie Sand durch die Finger rinnen. Tonnenschwerer Sanduhrsand auf dem Herzen. Denkt an das, was nie wieder sein wird. Worte, die für immer ungesagt bleiben. Alleine mit den Gefühlen, die da geblieben sind und deren Gewicht dich unaufhörlich hinab zieht.

Der Blaue Salon

Als Kind hatte ich ein Buch über Traumdeutung. Ich habe jeden Traum – meistens habe ich irgendwas von Pferden geträumt – in Symbole zerlegt und mittels meines Buches versucht, diese zu deuten. Ich konnte mich schon immer sehr gut an meine Träume erinnern und kann daher eines mit Gewissheit sagen: mein Gehirn feiert nachts ohne mich ’ne Party! Meine Träume sind bunt und irre, manchmal auch verwirrend, wenn ich beispielsweise mal wieder in einer fremden Stadt mit unglaublich vielen Bahngleisen lande. Manchmal trösten mich die Träume, oft kann ich in ihnen fliegen. Es kommt vor, dass ich eine komplette Story träume, die einen super Film ergeben würde- wenn man sich erinnern könnte. Hin und wieder tauchen darin Menschen aus der Vergangenheit auf, an die ich seit Jahren nicht mehr gedacht habe. Ob es da ausgemistet hat, das liebe Gehirn und Kisten mit uralten Erinnerungen aus dem Keller geholt hat?

Heute Nacht hatte ich einen sehr traurigen Traum und ich verstehe ihn wieder einmal nicht. Im Traum war ich bei meiner Oma, die seit vielen Jahren tot ist. Im Traum war die Oma noch da und Opa gerade verstorben. Alles war ganz anders als es tatsächlich gewesen ist: Mein Opa ist nämlich im Krankenhaus verstorben, er hatte auf meine Oma gewartet, bevor er die Augen für immer geschlossen hat.
In diesem Traum war er einfach morgens nicht mehr aufgewacht – und ich wusste das alles schon – das Bett, in dem er gestorben ist, hatte die Oma immer noch nicht gemacht. Meine Oma war im wahren Leben mit allem so sorgfältig und ordentlich, dass sie sogar Socken gebügelt hat.
Im Traum lag die Oma einfach im „Blauen Salon“ (so nannten wir ihr Gästezimmer, wegen des himmelblauen Teppichs) im Bett und schlief. Ich war die einzige Fremde in dieser Wohnung, in der alles genau so war, wie ich es erinnere, die Gegenstände, der Geruch, sogar die kühlere Zimmertemparatur des Blauen Salons. Nur ich war fremd – und die Traurigkeit. Ich legte mich zu meiner Oma und hielt tröstend ihre Hand und wir schliefen tagelang. Nach paar Tagen war immer noch Opas Bett nicht gemacht – die Trauer hatte meine sonst so aktive fleißige kleine Oma völlig aus der Bahn geworfen. Mich hat dieses Gefühl eingenommen, ich konnte es selbst fühlen: den Schock darüber, dass das gemeinsame Leben nun plötzlich zuende gegangen war. Keine Kraft, aufzustehen, das Bett zu machen und das Leben „danach“ zu beginnen. Die Lebensgemeinschaft, die die Beiden seit ihrer gemeinsamen Schulzeit miteinander verbunden hatte, hielt wie im wahren Leben wirklich bis zum Tode. Was mich an diesem Traum so verwirrt hat, war die Intensität des Verlustschmerzes und die Ruhe in der Wohnung. Diese Stille, die der Schock nach sich zieht, wie die Ruhe vor dem Sturm, bevor die eigentliche Trauer einsetzt und hoffentlich weinen können die Schockstarre ablöst.

Ich bin verwundet über diese Vermischung von Begebenheiten, die sich so nicht zugetragen haben, mit realen Ereignissen und erlebten Sinneseindrücken. Mein Traum hat mich zurückgebracht in diese Wohnung, die Hand meiner Oma fühlte sich ebenso real an wie der Schmerz, auf einmal ohne meine Liebe alleine auf der Welt zu sein. Eine von zwei Hälften, die übrig geblieben ist und nie wieder ganz sein wird.

Anders als im Film „Inception“ kann ich mich im Traum oft an die Vorgeschichte erinnern. Ich schaue auf Uhren und Kalender und manchmal weiß ich auch ganz sicher, dass ich mich in einem Traum befinde, da die Personen, mit denen ich gerade spreche, nicht mehr leben.
Es ist eine ungeheuere Leistung, die das menschliche Gehirn da zu stande bringt und vielleicht werden wir irgendwann verstehen, warum wir eigentlich träumen.
Ein Pferd ist ein Pferd, dafür brauche ich mein kleines Traumdeutungs-Buch nicht mehr. Kleine Mädchen wünschen sich halt Pferde. Und große Mädchen? Vielleicht, nie wieder diesen schrecklichen Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen erleben zu müssen. Weil dieser, einmal erlebt, ewig lange in uns nachhallt.

sinnfrei

Tage wie heute sind der Grund, warum ich mich manchmal wie eine Aussätzige fühle – ausgesetzt in meinem eigenen Leben. Es ist ein Wochenende im Sommer, ich verbringe Zeit mit lieben Freunden und meinem Verlobten, rumliegen und grillen im Park, während anderswo in Deutschland gerade Menschen durch Hochwasser-Fluten waten und zuschauen müssen wie alles, wie ihre ganze Existenz und alles, was ihnen lieb und teuer war, in den Fluten versinkt.

Ich habe es so gut in diesem, meinem Leben und kann trotzdem beim besten Willen manchmal nichts damit anfangen. Ich schäme mich dafür, mitten im Glück immer wieder diese trüben, völlig selbstsüchtige Gedanken zu haben. Worauf hast Du denn jetzt Bock, Verena?, fragen meine Freunde. Ich? Mich hier auf den Bootssteg setzen und den ganzen Tag einfach nur zuschauen, wie ihr anderen so lebt!

Ich kann es nicht ändern, so gerne ich es würde. Meine Glücklichkeitsskala ist irgendwo oben einfach abgebrochen. Knicks. Sie reicht nun nur noch von „ganz ok“ bis etliche Meter unter dem absoluten Gefühls-Gefrierpunkt.

Nein, liebe Frau Therapeutin, ich bin nicht mehr gefährdet, vor eine Bahn zu laufen. Hatte ich im Übrigen auch nie vor – mal unter uns gesagt – ich brauchte einfach wen zum quatschen und außerdem fand ich Ihre Espresso-Bohnen in Schokolade so lecker und unsere Gespräche über Bücher – die haben mich mit einem Gefühl von Heimeligkeit erfüllt. Schön war das.

So schöne Momente sind selten geworden. Ich habe dazu gelernt, mich besser angepasst und gelernt, die Menschen aus meinem Leben zu verbannen, die mir nicht gut tun und diejenigen, die mir gut tun werden, mit meiner „nach außen“-Persönlichkeit anzuziehen. Ich habe wahnsinnig tolle Menschen um mich herum. Die mich lieben, auch wenn ich ganz schön scheiße bin manchmal. Menschen die wissen, dass man mich nicht beim Essen beobachten darf oder auslachen, weil ich dann schlechte Laune bekomme. Menschen, die ich von Herzen liebe, weil sie so großartige Persönlichkeiten und Lebensziele haben, und für die ich alles tun würde. Nur eins können all diese Menschen nicht – weil das nur einer könnte – nämlich ich: Mich endlich mal wieder begeistern, dem Leben, das ich da habe, einen Sinn verleihen.

Schöne Zeit ist deswegen ganz selten geworden. Ganz spontan auf ein Bierchen rausgehen und dann die ganze Nacht durchtanzen oder ein tolles Gespräch führen. Von der Seele reden, reden, so lange, bis die Stimme heiser wird und die Augen ganz rot sind. Nachts, wenn alles schläft, erwachen meine Lebensgeister manchmal und wollen tanzen! Das sind die Momente, in denen ich das Leben spüre.

Ich weiß ganz genau, dass ich eines Tages, wenn ich krank werde oder wenn ich eine gebrechliche Omma bin, zurückschaue und bereue. Mich sehnen werde nach der Zeit, als ich noch alle Möglichkeiten hatte, diese tolle Welt zu entdecken und das Leben voll und ganz auszukosten. Wie tut man das? Wie geht auskosten? Wie genießen?

Wie wird man seines Lebens froh? Wie findet man das, was dem Leben Sinn gibt?

Irgendwann hast Du alles, wonach dein irdisches, sich leicht blenden lassendes Ich sich sehnen könnte: Ein schickes Auto, alle Traum-Urlaubsziele angeflogen, ein weißes, stuckverziertes Häuschen in einer sauberen, sicheren Umgebung – mit Rhododendron im Vorgarten oder einfach am Meer. Und dann? Dann, liebe Verena, sitzt du in deinem Häuschen am Meer und wirst wahrscheinlich noch immer nicht glücklich sein.

Ich weiß, dass mir der ganze materielle Scheiß nichts bedeutet. Ich weiß, dass Klamotten kaufen, beruflich Erfolg haben und mit guten Lebensmitteln kochen nur ein Trost ist, der darüber hinweg täuscht, was eigentlich mein Problem ist: Es ist leichter, den Magen zu füllen, den Lebenslauf mit guten Referenzen oder den Kleiderschrank mit noch mehr Schuhen, als mein Leben mit mehr Sinn.

Also schreibe ich meinen „runterzieh-Blog“, mache ich Fotos und versuche, durch den Sucher die Welt und ihre Geschichten mit mehr Liebe zu betrachten, was mir manchmal gelingt. Ich lese, weil ich Trost finde in dem Sinn, den andere gefunden und den sie festgehalten haben zwischen zwei Buchdeckeln. Ansonsten fehlt mir einfach der Kompass, den Sinn zu finden in meinem Leben und der Antrieb, diesen zu suchen.