…and I will be okay because I don’t quit.

Ich habe lange geschlafen, bin spät zur Arbeit und früh wieder da weg gefahren.

Habe ein Stück Kuchen, eine Packung Toffifee und eine Packung Flips gegessen, nur nichts vernünftiges, weil Hunger hab ich keinen – alles ohne die Wirkung, von der ich genau weiß, dass sie ausbleibt, ich es aber dennoch immer wieder so mache. Ich habe das Training ausfallen lassen und mich dann mit Wärmflasche und Ingwertee um fünf Uhr am Nachmittag ins Bett verzogen.

Es geht mir nicht besser. Das tut es nie.

Es geht mir erst dann besser, wenn meine dunkle Schwester beschlossen hat, dass sie fürs erste genug Aufmerksamkeit bekommen hat. Wenn sie zufrieden ist, weil sie bekommen hat, was sie erreichen wollte. Wenn sie mich einige Tage, manchmal Wochen, außer Gefecht gesetzt und zum Heulen gekriegt hat. In jener Zeit, in der die Narzissen noch grüne Knospe tragen, die Krokusse ganz vorsichtig lila und gelb aus der Erde gucken, die Forsythie noch zögert… die ganze Natur gespannt wie eine Bogensehne darauf wartet, an diesem einen Tag, nachdem es lange genug warm war, plötzlich aufzuwachen und BÄM…in den Tagen kurz davor schafft sie es, dass mein Faden, der mich so lange an der Oberfläche gehalten hat, am Ende doch noch reißt.

Kurz bevor der Karneval kommt und dann recht bald darauf der Frühling und die Sonne, die diese ganze Gefühlswelt wirken lassen wird wie einen bösen Traum beim Morgenkaffee.

Böse Träume habe ich genug. Wieder, muss ich sagen. Nach wochenlangem Dröhnen und buntem Flirren beim Einschlafen, den traumloseren langen Nächten, fangen nun die gleichen Träume wieder an. Die, in denen eine einzelne Emotion – mal ist es Ohnmacht, mal Verletztsein oder Fassungslosigkeit – mich so mitnimmt, dass das Gefühl den ganzen Tag anhält. Kommt eigentlich auch das Unterbewusstsein irgendwann im Heute an?

Wenigstens bescheren mir diese Alpträume manchmal ein unverhofftes Wiedersehen mit Menschen und Tieren, die ich vermisse. Auch, wenn wir dabei genau wissen, dass zwischen uns ein Vorhang ist, der die Welten trennt.

Nur wenige Menschen sind sensibel genug, die Veränderung zu bemerken. Ein Freund, den ich Wochen nicht gesprochen habe, meldet sich genau jetzt. Eine Kollegin sagt, sie sorge sich um mich, wenn sie demnächst aufhöre. Wenn sie wüsste, wie richtig sie liegt. Dass momentan der einzige Grund, mich morgens nicht krank zu melden, die Gewissheit ist, dass ich die letzten gemeinsamen Arbeitstage ins Büro kommen und mit ihr kaffeetrinkend so tun möchte, als wäre alles im Lot. Eine alte Freundin, die ein von mir geteiltes Bild liest und als Einzige darauf eine Antwort schickt.

Offensichtlich schaut niemand dir in den Kopf. Gut so.

Vielleicht wäre es aber auch manchmal schön, einen Verband zu tragen oder einen Mundschutz. Um in Ruhe gelassen zu werden. Um nicht immer weiter machen zu müssen, wenn die Kraft gerade nicht reicht. Um zu vermeiden, dass Menschen die ich mag, verletzt sind, wenn ich mich zurückziehe, weil ich ihren Bullshit, ihre Mäkeleien, ihren Egozentrismus, ihre Kleinlichkeiten und vor allem aber meinen derzeit nicht vorhandenen Humor dafür nicht aushalte.

Ich weiß, in ein paar Tagen geht sie wieder und nimmt den ganzen Spuk mit sich:

Das Gefühl, gerade allen auf den Wecker zu gehen.

Das mir-alles-zu-viel-Sein.

Den Druck, der schon entsteht bei kleinsten Verpflichtungen – die ich alle absage.

Dann alleine zuhause sitze

und dann heule

weil da immer noch ein Mantel liegt und ich das Nähzeug schon vor Tagen aus dem Keller geholt habe und den blöden einen lockeren Scheiß-Knopf immer noch nicht angenäht habe.

und weil ich eben 5000 Kalorien gegessen und mich kein Stück bewegt habe, dabei hätte ich es dringend nötig und war doch gerade so gut dabei mit dem Trainingsplan und so wird das nie was

und dieser Tag wieder einer für die Tonne war und Niemand mich so liebhaben KANN…

Sie sitzt da und lacht mich aus.

Wie immer.

Bis sie eines Tages wieder geht und mich in Ruhe lässt.

Dann werde ich weitermachen. Alle losen Fäden aufnehmen. Weiter.

Jedes Mal.

Bis zum nächsten Mal.

#notjustsad

Hervorgehoben

„Manchmal sagst du, dass nichts ist. Aber eigentlich ist zu viel los. #notjustsad“

Nur einer von vielen Sätzen, die Menschen unter dem Schlagwort #notjustsad in den letzten Tagen geschrieben haben und die mir direkt aus der Seele sprechen. Viele davon heute, zum Weltgesundheitstag unter dem Motto „Depression – Lasst uns darüber sprechen“.

Betroffene, Angehörige von Betroffenen, das wird immer gefordert, sollen sich mehr Gehör verschaffen – aber genau hier liegt doch das Problem. Wer krank ist, macht sich nicht auf die Art und Weise bemerkbar, die von anderen verstanden wird. Tut er es, wird es oft herunter gespielt, missverstanden: wer nicht reden will, dem ist halt nicht zu helfen, nicht wahr?
So viele Worte, in denen ich mich wieder finde. So sehr ähneln sich die Empfindungen, das Leiden, das nicht-aus-seiner-Haut-können, dass es zum aus-der-Haut-fahren ist. Trotzdem wird das Verständnis für depressive Störungen nicht besser. Weil Depressionen nicht „passen“ ins angepasste Leben, nicht in eine Gesellschaft, die falschen Positivismus, Selbstoptimierung und -darstellung in sozialen Netzwerken kultiviert hat.
Traurige Säcke passen halt nicht in ein Leben, das bitteschön aussehen soll wie ein gechillter Becks-Werbespot.

Es ging mir lange gut. Nein… es geht mir oft gut. Manchmal aber eben nicht. Es ist besser geworden in den letzten Jahren, dank Therapie, Gesprächen und Lebenserfahrung und dem Schreiben. Aber es kein Schnupfen, der irgendwann ausgeheilt ist, das vergisst man so leicht. Ich habe zur Zeit keine Arbeit, bin den ganzen Tag zuhause. Was völlig okay wäre, alles unter Kontrolle, Bewerbungen laufen, demnächst Weiterbildung, alles wird gut und so. Wenn ich arbeiten gehen müsste, würde ich aus dem Fenster starren und mir freie Zeit wünschen. Aber ich kann es nicht genießen. Am Anfang war es noch Urlaub, auf Dauer zieht es mich extrem runter. Langeweile, sich nutzlos fühlen, gepaart mit Existenzsorgen im Nacken. Keine gute Mischung.

„Den ganzen Tag beschäftigt sein und sich doch unterfordert fühlen. #notjustsad“

Ich schlage nur Zeit tot und liege anderen auf der Tasche – ekelhaft, wie überflüssig man sich fühlen kann. Ich habe diese Woche zur Beschäftigung eine Serie geschaut, #13ReasonsWhy. Eine Serie, in der ein Mädchen kurz vor ihrem Suizid 13 Kassetten aufnimmt, eine für jede Person und jedes Ereignis, das letztlich zu ihrem Entschluss geführt hat, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Auch das: Keine besonders kluge Wahl, es hängt mir noch lange nach. Weniger als die Ereignisse selbst – dramaturgisch natürlich so gewählt, dass auch der dümmste Fernsehzuschauer kapiert: „Dieses Mädchen hatte es schlimm!“ – bedrückt mich die Grundstimmung. Und die ist genau das, was viele Betroffene nachempfinden können, wenn ich so die Stimmen zur Serie nachlese: Das Mädchen ist hübsch, eine Poetin, gar nicht mal unbeliebt, verliebt, hat liebe Eltern und intelligenten Witz. Nach außen hin ein ganz normales Mädel. Niemand rechnet mit ihrer Entscheidung. Natürlich nicht. Weil das, was man von außen wahrnimmt, rein gar nichts über eine Seele verrät.

„Was man nicht kennt, erkennt man nicht. #notjustsad“

„Es war nicht genug“, sagt sie in der letzten Folge. Es ist genau das, nicht die dargestellten Erlebnisse, was einem ans Herz geht. Das ist es doch, das Grundgefühl: Ich weiß, es sollte mir besser gehen. Ich habe einen funktionierenden Körper. Menschen, die sagen, dass es sie kümmert. Aber es ist einfach nicht genug! Man fühlt es nicht genug. Man selbst ist nicht genug.
Zum Glück entscheiden sich unzählige Betroffene für das Leben – jeden Tag aufs neue. Oder lassen es eben geschehen, dass immer wieder ein neuer Tag anbricht.

„Diese Scheiss Zeitumstellung. Fällt dir das Aufstehen jetzt auch so schwer?“ Jedes Mal Aufstehen fällt mir schwer. #notjustsad“

„Warum bist Du denn traurig?“
Weiß ich selber nicht. Wegen allem und gleichzeitig aber wegen nichts, woran man es so festmachen könnte, dass du es begreifen kannst.
„Am Wochenende soll das Wetter wieder schöner werden!“
Das kann schon sein. Macht aber keinen Unterschied.
„Hast Du dein Vitamin D genommen?“
Not going to dignify that with a response.
„Mach doch was schönes mit Freunden?“
Freunde. Gerade habe ich das Gefühl, ich habe niemanden. Ich versuche es, denke ich jedenfalls. Melde mich bei Personen, die ich als Freunde bezeichne. Sie haben andere Dinge zu tun, wichtige Dinge, sie haben Jobs und Kinder und Verabredungen. Wenn wir uns treffen, kann ich nicht mitreden, bin einfach nicht mehr Teil dieser Welt. Und ich möchte nicht die sein, die klammert. Schaut Euch meine Chatverläufe an bei WhatsApp, wie oft ich Leute antippe, nach Treffen frage, mich erkundige, wie es denn so geht, versuche, mit ihren Pläne zu schmieden oder einfach nur den Kontakt zu erhalten um das Gefühl zu haben, dass da noch wer ist.

„Depression ist auch, sich tagtäglich aufs neue schuldig zu fühlen, weil man eine Last für die seinen ist. #notjustsad“

„Willst Du darüber reden?“
JA! Nein.

„Mein Tagebuch ist der einzige Ort, an dem ich allen Gedanken & Gefühlen freien Lauf lassen kann #notjustsad“

Öffnet eure Ohren, falls ihr jemanden kennt, der nicht einfach nur traurig ist. Öffnet die Herzen und breitet die Arme weit aus und dann sagt einfach mal… nichts. Denn es gibt keine Worte, die diese Leere füllen könnten.

Bloß da sein. Das Gefühl geben, dass es eben nicht egal ist. Dass er oder sie einen Platz in eurem Leben hat. Verlangt auch keine Worte, denn es gibt keine Erklärung für das Gefühl, eine Last zu sein, für die Unerträglichkeit des Lebens, für Einsamkeit, die tief aus dem Inneren kommt.

„Wenn ich nur wüsste, wo ich mich verloren habe… #notjustsad“

Allen, die selbst diese Momente haben – bleibt stark. Für jene Momente, in denen sich die Wolken verziehen, in denen wir etwas spüren, in denen wir Freude haben und Stunden mit Menschen in unserem Leben, für die wir dankbar sind. Es macht sehr wohl einen Unterschied.

Du machst einen Unterschied.

We’re #notjustsad
We #wontgiveup
#wematter
#fuckdepression.